Ansichten einer AnachronistinLiebe BahnfahrerInnen, CopulariumsnutzerInnen und BürgermeisterInnen! Heute möchte ich über Termiten sprechen. Doch nicht nur das: Es wird insgesamt um drei unterschiedliche Sachverhalte gehen, die nichts miteinander zu tun haben. Dies entspricht nämlich den Erscheinungen des modernen Lebens: Fünf Minuten Talkshow, fünf Minuten Phoenix-Reportage, vierzig Minuten DSF-Sexy-Clips. Oder: Dreizehn Uhr Rom, dreizehn Uhr zwanzig Mailand, vierzehn Uhr New York. Wie das eben so ist. Doch nun zu den Termiten. Die Termiten graben sich ein Loch, welches sie das Copularium nennen. Dort zeugen sie Millionen und Abermillionen von Kindern. Das war’s auch schon! Eine kleine Werbeunterbrechung gefällig? Na gut: kaufen Sie sich doch mal wieder einen schönen Hut! Okay, das reicht. Ich werde an dieser Stelle eine Geschichte aus der unmittelbaren Vergangenheit erzählen, mit mir als Protagonistin. Heute fuhr ich nämlich Bahn. Ich hätte es gut gefunden, wenn mich die Bahn, wie versprochen, innerhalb von dreißig Minuten nach Münster verbracht hätte. Sogar Apfelschorle hatte ich im Gepäck, und auch ein Buch. Es war also für alles gesorgt. Jedoch hielten die Lok und mit ihr alle Waggons ganz plötzlich auf pi mal Daumen halber Strecke an. Ringsumher lag Schnee. Wenigstens kein Selbstmörder, dachte ich, wahrscheinlich nur Äste auf den Gleisen oder irreparable technische Schäden, die eine baldige Explosion des Zuges nicht ausschließen lassen. Ich dachte über den Tod durch Explodieren nach. Dann dachte ich an den Bürgermeister, aber dazu später. Nach eineinhalb Stunden verließ mich aller Optimismus. Natürlich versuchte ich daraufhin, wie jeder normaler Randalierer mit meinem Fahrradschlüssel die Fensterscheibe zu zerkratzen. Und jetzt das Ungerechte: Es ging nicht! Ich möchte mal wissen, wie die jungen Leute das immer machen. Vielleicht handelt es sich bei den Vandalen, die übrigens nach einem germanischen Volk der Völkerwanderungszeit benannt sind, aber auch gar nicht um junge Leute, sondern um ältere Herrschaften an der Schwelle zur Rente, die niemandem mehr sicher ist. Diese Menschen tragen mit diamantener Spitze versehene Gravierutensilien aus dem Hobbygravierbaukasten mit sich und rammen sie bei der nächsten Gelegenheit in das unerbittliche Glas, um FUCK oder NUTTE hineinzugravieren. Wenn Sie einmal mit der Bahn fahren, werden Sie schon sehen, was ich meine. Ommawörterbuch Teil 56 wo-an - woran (Hier handelt es sich nicht um einen Asiatismus, sondern um das ausgelassene „r“ im Sprachgebrauch etlicher Senioren, wie in: Wo-an denkst du schon wieder? Ach, da denk ich doch gar nicht an.) Ich habe es schon mal erwähnt: Dem Bürgermeister ist nichts peinlich. Neulich musste er wieder eine Ansprache halten, das ist ja im Grunde sein Beruf. Diesmal begegnete ich ihm auf einem ernsten Gedenkkonzert, zu dem sich viele Personen, auch wichtige, eingefunden hatten. Unter anderem wurde die grauslige Erfindung „Ein Überlebender aus Warschau“ hergezeigt, das der Bürgermeister leider als: „Ein Überlebender aus Auschwitz“ ansagte. Er kann froh sein, dass niemandem nach Lachen zumute war. Ihm selbst fiel sein Fauxpas auch gar nicht auf. Er dachte wohl: Warschau, Auschwitz - wo soll denn da der Unterschied sein! Alles Haarspalterei! Wahrscheinlich wäre er nervös geworden, wenn er mich gesehen hätte, doch dafür saß ich zu weit hinten. Für die Zukunft rate ich: Lieber Herr Bürgermeister! Sehen Sie sich vor! |
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