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Ansichten einer Anachronistin

Liebe KaiserInnen!
Vor vielen Jahrhunderten lebten Menschen in der Provinz Mösien. Ich möchte gar nicht wissen, welche Sprache sie da gesprochen haben. Wahrscheinlich Latein, zumindest offziell. Das Mösische gährte aber gewiss im Verborgenen weiter vor sich hin. Mösien lag höchstwahrscheinlich in der Nähe von Thrakien. Niemand weiß, wo es heute liegt. Na gut, ein paar Althistoriker wissen es wahrscheinlich schon. M. E. ist die Frage nach der Lage des ehemaligen Mösiens eine waschechte Einemillionfrage. Überhaupt ging im alten Rom einiges vor sich. Der berühmte Kaiser Constantin (nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls berühmten Gockel) gab zum Beispiel nicht nur dem schönen Konstantinopel den Namen Konstantinopel, das wäre ja noch gegangen. Nein, er setzte noch eins drauf und rief seine drei Söhne: Constantinus, Constans und Constantius. Das muss man sich erstmal trauen! Sollte ich auch mal an drei Söhne geraten, würde ich sie gern Bianco, Blanco und Branco nennen. Oder Blanca, Branca und Bronca! Aber dann sollten es schon Töchter sein, sonst sehen sie nachher alt aus auf dem Schulhof. Dort soll ja demnächst vorschriftsmäßig nur noch Deutsch gesprochen werden. Wenn ich Kaiser wäre, würde ich noch viel weiter gehen: Ich würde das Tragen von auf dem Faltbrett gefalteter Kleidung vorschreiben. Das Faltbrett (siehe oben) gibt es im Fernsehen zu kaufen, wie so vieles. Es dient   dem  sekundenschnellen Falten von Hemden, T-Shirts, Blusen und Bettwäsche, und ist gar nicht so teuer, wenn man davon absieht, dass es sich dabei um ein schrundiges, giftige Gase ausströmendenes, löchriges, wüstes Plastikgetüm handelt. Natürlich wird es von Frauen angepriesen, die ihr marktschreierisches Talent mit angemessener Begeisterung und einem winzigen Portiönchen Übermut zur Schau stellen. Auf dem Faltbrett kann man auch Spannbettücher falten, und zwar ganz akurat. Eine bis dato angenommene Unmöglichkeit, wie die Zielgruppe mit Nachdruck vom munteren Moderatorinnenpärchen erfährt. Eine Hälfte des Pärchens faltet immerfort, die andere schreit. Einmal schreien sogar beide gleichzeitig, wodurch kleine Kommunikationsschwierigkeiten hervorgerufen werden. „Wenn Sie mal Besuch haben“, brüllt die Händlerin, die sonst nichts zu tun hat, „wenn Sie mal Besuch haben: Da verblasst doch jeder vor Neid!“ Ich verblasse auch, aber vor Scham.

Ommawörterbuch Teil 58
plästern - heftiger Niederschlag (meist: Regen)
blank - glänzend

Um noch einmal auf Rom, Mösien usw. zurückzukommen: Da gab es das ja auch schon alles, was wir heute so kennen. Zum Beispiel Astro-TV. Oh ja, das gab es sehr wohl, wenn auch ohne TV. Es wurde aus manchem Bedeutendes herausgelesen, was wir heutzutage wegschmeißen, darunter auch Eingeweide. Die Eingeweide mussten aus bestimmten Tieren stammen, ich glaube: aus Hühnern. Das kann aber auch wieder nur meine Phantasie sein, die mir da etwas vorgaukelt, und nachher waren es Hunde oder der inzwischen ausgestorbene Auerochse. Auch befragte man gern ein Orakel. Wiederum nicht bekannt ist mir, wie das Orakel antwortete. Dass es antwortete, steht vollkommen außer Frage, denn die Weissagungen verschiedener Orakel haben die Leute früher immer gewissenhaft aufgeschrieben. Wir drucken Horoskope sogar in Zeitschriften, auch solche, die für das ganze nächste Jahr gelten sollen. Seltsamerweise machen sich aber die wenigsten Menschen die Mühe, rückblickend über die Seriösität solcher Vorhersagen Protokoll zu führen. Stattdessen schmeißen sie die Zeitung zu den Eingeweiden und fallen im nächsten Jahr wieder auf alles rein, was man ihnen erzählt. Esoterisch,

Ihre Bianca



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