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Ansichten einer Anachronistin

 Liebe Topmodels!
„Ich esse alles“, sagt Heidi Klum vergnügt, „außer: Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln. Aber sonst darf ich alles essen!“ In meiner Phantasie vertilgt sie daraufhin ein schönes Wildschwein mit blutigem Steak und Fasanenhaschee, aber ob ihr das Freude macht? Mir persönlich würde das keine Freude machen. Wissen Sie eigentlich, was Haschee ist? Ich nicht. Ich weiß aber, dass ich mal ein Sparkassenkochbuch geschenkt bekam, das unter anderem zur Bereitung von Lungenhaschee anleitete. Die meisten jungen Leute wissen wahrscheinlich auch nicht, was Haschee ist, doch sie wissen, was Haschisch ist. Und Haschisch hat ebenfalls bedingt mit der Lunge zu tun, und zwar mit der einsatzfähigen Lunge, während die Lunge im Haschee eine Lunge im Ruhestand ist. Und schon wären wir wieder beim Thema Topmodels! Die Topmodels von Heidi Klum dürfen nämlich, ähnlich wie die Insassen einer Drogenklinik, ihr Handy nicht bei sich tragen. Der Kontakt zur Außenwelt ist ihnen verwehrt. Der Grund dafür ist jedoch ein anderer als in der Drogenklinik, denn nicht die Flucht ist hier das Ziel, im Gegenteil. Anders als in der Drogenklinik, aus der die Patienten gern hinaus möchten,  möchte ein jedes Topmodel in der Topmodelshow bleiben. Es möchte sich sogar am liebsten für immer dort einnisten und nie mehr aus dem Rampenlicht in den Schatten des Alltagsgeschehens hineingestoßen werden. Es möchte Blitzlichtgewitter, und dafür verzichtet es auf Brot, Nudeln, Reis, Kartoffeln und sein Handy. Eines war gewitzt und brachte zwei Handys mit, von denen es das eine artig in Verwahrung gab, das andere aber im Geheimen hortete. Dieses Vorgehen brachte ihm jedoch keine Sympathiepunkte ein, zumindest nicht bei Heidi Klum, die ja als Chef die Autoritätsperson schlechthin ist. Merke: Alle sprechen vom Sittenverfall, doch keiner will dran schuld sein!

Ommawörterbuch Teil 59
Laufsteg - Catwalk

Hat das Topmodel erst sein Handy fortgegeben, kann es nicht mehr telefonieren, und auch mit den SMS hat es sich. Es hat sich ausgeSMSt. Insofern geht die Werbung für die neue, stylische Handyuhr, die man per SMS bestellen kann, am Topmodel vorbei, sie erreicht das Topmodel nicht. Das Topmodel hat allerdings sowieso anderes zu tun, es muss sich bemalen lassen, luftige Kleidung an- und ausziehen, verwegen in Positur stellen und am besten noch ein bisschen wachsen, denn ein Topmodel kann nie lang und hochbeinig genug sein. Es soll seine Mitmenschen überragen, damit es auf dem Catwalk auch von dem Kleinsten in der letzten Reihe noch gesehen werden kann, denn schließlich ist es die animierte Präsentationsfläche für die Kreativität der Designer. Wären die Topmodels kleinwüchsig, müsste man eine Art Circus Maximus um die Catwalks der Welt herumbauen, eine Arena, aus der die Zuschauer auf den Catwalk herabblicken. Dies aber wäre zu teuer, nicht einmal die EU würde etwas dafür ausgeben wollen. Und das, obwohl die EU oft etwas für Quatsch ausgibt. Aber wenn es zu weit geht mit dem Quatsch, dann wird es auch der EU zu einfältig.
Die neue, stylische Handyuhr müssen also andere Jugendliche per SMS bestellen. Die Musiksender, die immer für die Jugendlichen da sind, rufen täglich dazu auf: Sende Uhr 7 für das Flammenherz, Uhr 8 für den Tod! Mir läuft es dabei kalt den Rücken herunter, eine richtige Gänsehaut kriege ich. Aber die Jugendlichen sind da ja viel robuster, denn sie wachsen in einer ungleich härteren und leistungsorientierteren Welt auf als ich. Vielleicht geht es bei dem Tod als Handyuhr aber auch um etwas viel Bedeutsameres, nämlich um eine Renaissance des barocken Lebensgefühls. Junger Mensch, will uns die Uhr vielleicht sagen, noch bist du elastisch und voller Östrogen, aber einst wirst du ein verhutzeltes Mütterchen sein, hinter dem nur noch ein Hahn herkräht, und zwar der Gevatter Tod. Man soll das Jamba-Sparabo ja intellektuell nicht unterschätzen.
Memento mori, Ihre Bianca 



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