Rückblick
„In The Summertime“
The Mungo Jerry Bluesband
Ray Dorset & Friends in Top-Form
Der Mann ist bereits Legende, seine Musik auch. Dabei ist Ray Dorset´s Jahrhundert-Sommerhit „In the Summertime“ eigentlich ein ganz einfaches, kleines Liedchen. Jedes Jahr wird von den deutschen Radio-Stationen vor jedem Sommer irgendein Lied erkoren, welches zum Sommerhit des Jahres soundso erklärt wird, trotzdem, „In the Summertime“ (30 Mio. mal verkauft!) ist immer an der Spitze, und das seit sechsunddreißig Jahren - auf der ganzen Welt. Und der Komponist und Interpret dieses und unzähliger weiterer Hits war mit seiner MUNGO JERRY BLUES-BAND am 4. März zu Gast im HoppeGarden der Kulturwerkstatt. Um vorweg mit einem weitverbreiteten Missverständnis aufzuräumen, Mungo Jerry war nie der Künstlername des Gitarristen und Sängers Ray Dorset, sondern einfach nur der Name seiner Band. Und diese Band gibt es seit fast vierzig Jahren, in wechselnden Besetzungen, mit Musikern von Chicken Shack oder Savoy Brown, inzwischen selbst schon Klassiker, aber immer mit Ray Dorset, dem Macher.
Nun war Dorset im März mit der „Mungo Jerry Bluesband“ in Hamm, was erwarten ließ (und was auch so angekündigt wurde), dass er ein Bluesprogramm spielen würde, denn seine Wurzeln kommen von hier. Trotzdem haben wir natürlich alle auf ein „In the Summertime“ als Zugabe gehofft.
Um 22.00 Uhr betrat die fünfköpfige Band die Hoppe-Bühne und zeigte gleich mit dem ersten Song „Let´s Roll“, wo es langgehen würde. Boogie vom Feinsten, und anschließend den „Statesbro Blues“ von Blind Willie McTell, geil, und von Ray mit einer Stimme gesungen, die hinter keiner der großen alten Blueser wie Howlin Wolf oder John Lee Hooker zurückstehen muss. Auch die Balladen gelangen dem sympathischen Entertainer perfekt, „Morning Dew“ von Tim Rose zum Beispiel, gespielt mit einer alten Gretsch-Halb-resonanz oder das gänsehauterregende „One More Night Without You“.
Aber die Abräumer waren natürlich Songs wie „Lets Work Together“ (Canned Heat) oder „Nutbush City Limit“ von Ike und Tina Turner. Ray Dorset hatte das Publikum gleich von Anfang an auf seiner Seite, gute, ausgelassene Stimmung verbreitete sich sofort mit dem Erscheinen des gutaussehenden, gebräunten und pechschwarzhaarigen Engländers, aber als gegen Ende des ersten Set´s der Mungo-Jerry-Hit „Lady Rose“ erklang, war das Volk kaum noch zu halten. Mit „Open Up“, einem weiteren Hit aus der Feder Dorset´s endete das erste Set.
Manchmal ist es so, dass man auf der Bühne von einem bekannten Live-Musiker Songs hört, bei denen man sagt: „Kenn ich, und das hat der geschrieben???“ Bei Ray Dorset war das genau so, denn mit „In The Summertime“ und „Lady Rose“ erschöpft sich sein künstlerisches Schaffen bei weitem nicht. „Baby Jump“, „Allright, Allright, Allright“, „Hello Nadine“ und viele andere sind Hits der früheren MUNGO JERRY gewesen. Und alle diese legendären Ohrwürmer hat Ray mit seiner „Mungo Jerry Bluesband“ an diesem Samstag gespielt.
Nette Begebenheit am Rande: Der Veranstalter, der an diesem Tag einen seiner unzähligen Geburtstage feierte, bekam ein „Happy-Birthday-Ständchen“ von der Band, welches darin gipfelte, dass er von Ray auf die Bühne gebeten wurde, um „Hello Nadine“ mitzusingen (!!!). Und als dann auch noch das unverwüstliche „In The Summertime“ erklang, war die Partystimmung auf dem absoluten Höhepunkt. Jetzt kann der Frühling kommen.
Übrigens: Ray Dorset feierte am 21. März seinen 60. Geburtstag! Alles Gute, lieber Ray, herzlichen Glückwunsch und noch viele musikalische Jahre.
„Ich les´ gleich . . .“
Dieter Hildebrandt in Hamm
Der Meister des politischen Kabaretts in Top-Form
Erst kürzlich habe ich meinem Vater das neueste Buch „Ausgebucht - mit dem Bühnenbild im Koffer“ von Dieter Hildebrandt zum Geburtstag geschenkt. Und ich bekam, welch Zufall, von meiner Freundin zu meinem Geburtstag, der am selben Tage stattfand, zwei Karten für eine Lesung des größten aller deutschen politischen Kabarettisten. Ein Bewunderer Hildebrandts bin ich schon seit Jahrzehnten und auch heute noch verpasse ich keine von seinen „Scheibenwischer’n“, obwohl er das von ihm ins Leben gerufene Kabarett-Highlight nicht mehr selbst leitet.
Am 22. März war Dieter Hildebrandt nun zu Gast in der Werkstatthalle des Maxi-Parks, um aus seinem aktuellen Buch zu lesen. Dieter Hildebrandt betrat die Bühne, auf der sich lediglich ein weiß gedeckter Tisch mit einem Stuhl befand. Und wer nun glaubte, er setze sich sogleich auf seinen Platz, um dem Publikum etwas vorzulesen, der irrte natürlich. Aber ich denke, das hat auch niemand wirklich erwartet. Erst gab es mal einen aktuellen politischen Rundumschlag in alle Richtungen. Erst vor wenigen Tagen habe er, Hildebrandt, eine Vortrag von Angela Merkel gehört, in der sie sich sogar unter ihr eigenes Niveau geredet habe, was schon eine reife Leistung sei. Die erste deutsche Bundeskanzlerin musste so manchen Hieb aushalten, aber auch der Edi (Stoiber) kam nicht ungeschoren davon. Auch sein Generalsekretär Söder („er ist so, wie er sich anhört - Söööüder“) ist auch nicht gerade des Kabarettisten Liebling. „Ich les´ gleich“, meinte Hildebrandt, und klopfte beruhigend auf sein Buch. Er erwähnte seine Lieblingssendung „Berlin direkt“, vor allem mit Peter Hahne („Sein Lächeln ist breit wie eine Landebahn für Schutzengel“) und er ereiferte sich darüber, wie ein paar harmlose Karikaturen Millionen Menschen aggressiv auf die Straßen treiben, und wie tausende dänische Flaggen so plötzlich in die arabische Welt gelangen konnten. „Ich les´ aber gleich“! Und dass Jesus Humor hatte, beweist folgende Begebenheit: Der römische Statthalter Pilatus zitierte Jesus herbei und fragte ihn: „Sag mir, bist du wirklich der Sohn Gottes? Worauf der antwortete: „Ich denke schon, aber nageln sie mich jetzt bitte nicht fest . . !“
Natürlich war George W. Bush ein Thema und seine „Weiße-Haus-Natter“ Mrs. Rice sowie das Militärsanatorium Guantanamo. „Ich les´ gleich“ meinte Hildebrandt, und verglich die Versicherungsvertreter mit unseren Volksvertretern: „Erstere verkaufen Versicherungen, letztere verkaufen . . .“ - das Publikum lachte. „Na wenn sie´s schon wissen“!
„Aber jetzt lese ich!“, sprach der Künstler und schlug sein Buch auf. Er ist ein Vielfahrer mit der Deutschen Bahn, aber er ist kein Freund des Unternehmens. Schon gar nicht vom Herrn Blähdorn, wie er den DB-Chef respektlos nennt. Daher zieht sich das Thema „Bahnfahrten“ wie ein roter Faden durch sein 255seitiges Werk. Zu seinen Auftritten in der gesamten Republik gelangt der Autor stets mit der Bahn, und das bringt es mit sich, dass er unzählige, meist unerfreuliche Geschichten rund um dieses Thema erzählen kann. Oft trifft er auch den Herrn Max Meusel, einen wahrscheinlich fiktiven (hoffentlich) Dauerfahrgast, der in seiner aufdringlichen Art jede Reise mit der Bahn noch ärgerlicher machen kann.
Ein immer wiederkehrendes Thema ist Renate (Köster), Hildebrandts Ehefrau, die kürzlich das „Feng-Shui“ entdeckt hat, und seitdem den Gastgeschenke-Keller regelmäßig von überflüssigen Gastgeschenken ihres Gatten reinigt. Sie ist es auch, die rührend und manchmal energisch dafür sorgt, dass ihr vielbeschäftigter Gemahl pünktlich zum Bahnhof gelangt, damit er den Zug zu seinem nächsten Auftrittsort nicht verpasst. Das wäre in der Tat schade, denn ein Abend mit Dieter Hildebrandt ist ein absoluter Genuss.
Oh God I Love The World
25 Jahre New Model Army - Ausstellungseröffnung „One Family, One Tribe”,
von Mone Hartman http://www.mone-hartman.de
Meine Vorfreude wurde nicht enttäuscht, als ich am 18. März zum Maxipark fuhr, um dort im Glaselefanten die Eröffnung der Ausstellung „One Family, One Tribe“ zu erleben; eine Ausstellung der aus Bradford stammenden Kult-Band New Model Army, die sich seit nunmehr 25 Jahren erfolgreich in keine Schublade stecken lässt. Dass es sich hier um eine besondere Veranstaltung handelte, ließ sich schon erahnen, als man am Fuß des Elefanten an Totempfählen und zwei großen, brennenden Fackeln vorbei zum Aufzug ging, wo am Boden ungezählte kleine, silberne Sternchen glitzerten.
…looking for family, looking for tribe…“, heißt es in dem NMA-Stück „Family“; eine Familie, ein Stamm, so ja auch das Motto der Ausstellung: Das lässt an die vielzitierte „New Model Army Family“ denken, zu der die Band nach eigenem Verständnis nicht nur die beteiligten Künstler und Freunde rechnet, sondern auch die treue Fangemeinde in aller Welt. Dieser ‚Familie’ galt zu Beginn der Ausstellungseröffnung auch ein Dankwort Joolz Denbys meist nur Joolz genannt: Sie ist nicht nur seit über 25 Jahren die Lebensgefährtin von Justin Sullivan, der treibenden Kraft hinter NMA, sondern ist der Band auch als Künstlerin eng verbunden. Die mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, Spoken-Word-Artistin und Künstlerin hat die meisten Cover zu den NMA-Alben entworfen; die Original-Zeichnungen dazu sind nun im Glaselefanten ausgestellt. Viele davon zeugen von der tiefen Verbundenheit der Künstlerin zur keltischen Symbolik; so ist auf dem in der breiteren Öffentlichkeit wohl bekanntesten NMA-Album „Thunder and Consolation“ das keltische Zeichen für „ewiges Leben“ abgebildet (das übrigens auch einen der silbernen Ringe ziert, die Justin Sullivan (Foto oben) trägt). Neben zahlreichen weiteren Zeichnungen, viele davon Portraits von Sullivan, finden sich auch die früheren Bühnenkostüme der Band ausgestellt, die Joolz teilweise selbst angefertigt hat: Nicht zuletzt die ‚berühmte’ Motorrad-Leder-jacke, die auch das Cover des Albums „Ghost of Cain“ ziert; diese Jacke hatte Joolz mit roter Farbe bemalt, darauf der Abdruck ihrer Hand. Außerdem findet sich oben der Schriftzug „Only stupid bastards take heroin“- eine Art ‚Kampagne’, mit der New Model Army in den 80er Jahren ihren Unmut über die Verherrlichung drogensüchtiger Rockstars durch die Medien kund taten .- Streunt man weiter durch die üppig bepflanzten Ausstellungsräume, kommt man an einem nachgebildeten Merchandise-Stand vorbei (auf Konzerten beliebter Treffpunkt für NMA-Fans), an teilweise selbstgemachten Instrumenten, und dann, in einem abgedunkelten Raum, gelangt man zum Wesentlichen dieser Band: Der Musik (…ah klar, was auch sonst). Hier werden permanent Mitschnitte von Konzerten an die Wand projiziert, und wer die Band noch nicht oder nur wenig kennt, kann hier einen Einblick erhalten, wie viel Kraft und Intensität in ihrer Musik steckt- auch wenn Sullivan in vielen Texten ‚Negatives’ zum Thema macht, Missstände in Sachen Umwelt oder (Gesellschafts-) Politik, zum Beispiel. Er begegnet diesen Dingen nach eigener Aussage allerdings nicht mit einer konkreten Philosophie, sondern betrachtet seine Texte Rückblick/Vorschau
als authentische emotionale Reaktion auf diese Dinge. Was manchmal ‚very angry’ gerät, bis hin zu dem, was einige als „politisch nicht korrekt“ bezeichnen - anyway, seine Texte vermitteln Aufrichtigkeit und ein tiefes Verbundensein mit dieser Welt. Dieses Verbundensein vermutete Musikjournalist Dr. Martin Gresch in seiner Laudatio auf die Band auch als Quelle für die enorme Schaffenskraft des Musikers. „Oh God I Love The World“, heißt nicht zuletzt ein kraftvolles Stück auf „Thunder and Consolation“.
Mir jedenfalls hat diese Ausstellung große Lust gemacht, New Model Army nach vielen Jahren wieder einmal live zu erleben. Diesbezüglicher Lustverstärker am Tag der Ausstellungseröffnung war ohne Frage Justin Sullivan himself, der nicht nur anwesend war, sondern auch mit der für ihn gewohnten Hingabe und Intensität einige Stücke spielte, sich selbst auf einer Akustikgitarre begleitend. Der nun etwa 50jährige spielte unter anderem die Ballade „Green and Grey“, ein Lied, das er eigentlich für bzw. über seine Heimatstadt Bradford geschrieben / komponiert hatte, und das er an diesem Abend für Hamm spielte- obwohl er zugab, bis vor kurzem gar nicht gewusst zu haben, dass Bradford überhaupt diese Partnerstadt hat… -
Man begegnete Joolz Denby und Justin Sullivan als zwei sehr freundlichen, sympathischen Menschen, die beim anschließenden Pressetermin recht gutgelaunt und souverän über sich und ihre Arbeit redeten. Und diese Arbeit geht bekanntlich weit über New Model Army hinaus; so plant Sullivan ein Projekt mit seiner in Kairo lebenden Schwester, mit der er ein Album mit ägyptischer Musik aufnehmen will; erste Stücke sind geschrieben. Mit Joolz zusammen produziert er momentan die junge, ambitionierte Bradforder Band „New York Alcohol Anxiety Attac“, die übrigens am 06. Mai im Maxipark als Vorband von New Model Army auftreten werden. Dieses Konzert findet am letzten Tag der Ausstellung statt und wird sicherlich deren Höhepunkt werden. Wie üblich bei NMA-Konzerten, werden wieder Fans aus ganz Europa anreisen und ein Stückchen der berüchtigten „New Model Army Family“ aufleben lassen - „One Family, One Tribe“. Nicht nur für die Ausstellung, auch für unsere Stadt ein deutliches Highlight. - Ich freu’ mich drauf!
Links:
http://www.newmodelarmy.org
(hier gibt’s auch ein paar kostenfreie MP3’s der Band!)
http://www.joolz.net
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