Ansichten einer Anachronistin
Liebe KulturanarchistInnen!
Gehen Sie manchmal auf, nein, man sagt in solchen Fällen ja: i n s Konzert? Haben Sie sich über die Niederungen der Unterhaltungsbranche emporgeschwungen und führen sich neuerdings gern Klassisches zu Gemüte? Dann machen Sie sich besser v o r h e r mit den Gepflogenheiten der Hochkultur vertraut, denn: So einfach, wie Sie sich das vorstellen, ist das alles nicht. Beileibe nicht. Es genügt nicht, viel Geld in teure Karten zu investieren. Es genügt auch nicht, sich schick zu machen. Das Schickmachen, liebe Mitmenschen, das Schickmachen war vielleicht vor zwanzig, dreißig, vierzig, fünfzig Jahren mal modern. Heute trägt man statt aufwändiger Robe: Haltung. Und das Wichtigste: Kenntnis der herrschenden Etikette.
Es war einmal ein Trompeter, der kam nach Hamm in die Pauluskirche um den Leuten etwas Schönes vorzuspielen. Er kam sogar zweimal, das zweite Mal allerdings eher notgedrungen, da er das aufsässige Publikum beim ersten Mal nicht hatte zufrieden stellen können. Der Eintritt war enorm, das Konzert kurz gewesen. Vielleicht aber war nicht nur das Publikum mit dem Trompeter, sondern auch der Trompeter mit dem Publikum nicht gar zu glücklich. Das Publikum hatte die Etikette nicht beachtet. Es hatte wüst in die Pausen zwischen den einzelnen Darbietungen hineingeklatscht, Klagen vorgebracht, dass man das Programm, das auf stylish transparenter Folie gedruckt war, nicht hätte lesen können und vielleicht hat es sogar heimlich Fotos gemacht, Filme gedreht und telefoniert. Denn beim zweiten Mal war der Trompeter besser vorbereitet. Die Programmfolge fand sich nun in unmissverständlichem Schwarz auf schlichtem, weißen Papier. Es war alles sehr gut zu erkennen. Besonders gut zu erkennen waren auch die Regieanweisungen, die das Hammer Publikum zu erziehen suchten: Keine Fotos!, hieß es dort, nicht filmen! Keine Tonaufnahmen! Und machen Sie bloß Ihre Handys aus! Und: klatschen Sie u m G o t t e s w i l l e n erst am E n d e der ganzen Chose!
Ommawörterbuch - Teil 61
schlören - schleppen, umhertragen
Das Publikum parierte. Es sparte sich auf und riss sich zusammen. Es gab keinen Mucks von sich. Erst ganz am Schluss entluden sich die aufgestauten Energien des Volkes: Die Menschen applaudierten, trampelten und es riss sie von den Sitzen vor Begeisterung. Der Trompeter lächelte huldvoll. Dann verschwand er ohne ein Wort des Dankes. Natürlich hätte er das gute Betragen des Publikums loben können. Er hätte sagen können: Na sehen Sie, es klappt doch! Man muss nur wollen! Was lernen wir daraus? Wir lernen daraus zwei Dinge. Erstens: Das Wissen um die Etikette des hochkulturellen Veranstaltungsbetriebes ist unerlässlich, wenn man sich nicht blamieren will. Wer nicht dazwischenklatscht, ist eingeweiht. Wer nicht eingeweiht ist, guckt in Wirklichkeit Florian Silbereisen und hört eigentlich lieber Stefan Mross als Ludwig Güttler. Solch ein Mensch ist bäuerisch, während das Eingeweihtsein adelt. Zweitens: Auch wenn der Mensch schon erwachsen ist, lässt er sich gern noch ein bisschen erziehen. Es kommt allerdings darauf an, w e r ihm die Erziehung angedeihen lässt. Ist es der Nachbar, der einem immer Kaugummi in den Vorgarten spuckt, gibt man nichts auf seine Meinung. Ist es aber ein Künstler, der seinen Verhaltenscodex in die Programmheftchen diktiert und sich ferner in mysteriöses Schweigen hüllt, so nimmt man seinen Rat gern an. Nicht telefonieren. Nicht klatschen. Na ja, denken die Leute, man hätte ja auch wirklich nicht selber drauf kommen können.
Wohlerzogen, Ihre Bianca
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