Ansichten einer AnachronistinLiebe heiße Muttis! Ich gucke ja sehr gerne Frauentausch. SEHR gerne. Sehr, SEHR gerne. Donnerstags abends trudele ich regelmäßig bei meiner Freundin Scholastika ein, allerdings hat die Sendung dann meistens schon angefangen. Ich habe nämlich vorher noch was zu tun. So ist das eben in der modernen Gesellschaft: Man hastet von einem Termin zum anderen. Und dann muss sich am Ende in teuren Zen-Klöstern erholt werden, was die Krankenkasse wieder nicht bezahlt. Die bezahlt ja so einiges nicht, was bedeutet, dass sie sich eigentlich nicht beschweren kann. Trotzdem muss ich, ein Mensch mit wenig starkem Augenlicht, meine Kontaktlinsen immer selber bezahlen. Es ist eine Unverschämtheit. Früher waren die Verhältnisse noch nicht so. Womit ich nicht sagen möchte, dass sie auf allen Gebieten besser waren. Nein, das waren sie nicht. Man muss sich bloß mal die Frisuren angucken. Da wird einem ja schlecht von! Aber meine Kontaktlinsen haben sie mir immer bezahlt, denn ich war versichert. Heute denken sie wohl, das Versichertsein gilt nur zu Hälfte oder als lustiger Witz. Man muss sich das mal überlegen. In Riad ist alles umsonst, weil fast alle Bewohner der Stadt Prinzen und Prinzessinnen sind. Dafür haben die Prinzessinnen leider andere Nachteile, mit denen ich mich nun auch wieder nicht auseinandersetzen müssen wollte. Ich war jedoch an anderer Stelle stehen geblieben, und zwar nicht im Alter von zehn Jahren. Obwohl dies ein Lebensalter ist, das sich sehen lassen kann. Es sagte der zehnjähriger Bestandteil einer Großfamilie auf RTL II gerade: „Ich hab genug Platz. Ich bin ja noch klein.“ Zu meiner Zeit hätte kein normaler Mensch mit zehn zugegeben, dass er noch klein ist. Denn er wäre dafür sofort auf dem Schulhof bespuckt, mit Apfelkippen beworfen und für immer aus der Gemeinschaft ausgestoßen worden. Insofern scheint es also mit dem rauen Klima an den Schulen, von dem immer alle reden, gar nicht so weit her zu sein. Es ist eigenartig! Denn gerade fällt mir ein, dass die Kinder von heute sich aufführen wie kleine Erwachsene, die ein schlechtes Elternhaus genossen haben, was früher wiederum nicht so intensiv ausgeprägt war. Die Kinder konzentrieren sich heutzutage stark auf das Geschlechtliche, sie haben keinen Respekt. Sie vergleichen unerfahrene Lehrerinnen, die gerade von der Uni kommen, mit Leuten, die sich ausgezogen in Heften für Über-Achtzehnjährige darstellen. Ich weiß aber, woher sie das haben: Sie haben es aus dem Fernsehen. In meiner Lieblingssendung Frauentausch kam es neulich noch vor, das Geschlechtliche. Szene eins: Vater und Mutter nehmen ein Bad. Der Vater äußert sich sehr positiv über die Situation: „Das ist angenehm geil.“ Ein anderer Vater findet seine getauschte Frau bei der Rückgabe komplett umgestylt vor. Er sagt: „Ich habs ja immer gewusst, meine Frau ist eine scharfe Braut, eine heiße Mutti!“ Scholastika und ich bekommen eine Gänsehaut. Doch zurück zur Badewannenfamilie. Das erotisch veranlagte Paar hat verschiedene Nachkömmlinge, darunter auch ein Mädchen unter zehn, das wie ein Junge haust und sich auch so gebärdet. Es möchte einen Penis, sagt die Mutter. Darum verlangt sie von der Tauschmutter, Geld zu spenden für den Penis. Aus dem Fernsehen kann man vieles lernen, aber leider merkt man sich ja immer die Sachen, die einen gar nicht zu interessieren bräuchten. Was gehen mich die Penisse anderer Mädchen an? Richtig. Trotzdem habe ich mir die ganze Geschichte so genau gemerkt, als hätte ich sie selber erlebt. Meine Kontonummer kann ich mir stattdessen auch nach fünfzehn, zwanzig Jahren noch nicht merken. Und das hängt nicht damit zusammen, dass ich mir keine Zahlen merken könnte. Nein. Ich KANN mir Zahlen merken. Ich kann alle Telefonnummern meines engeren Bekanntenkreises auswendig, und außerdem noch einige des entfernteren Bekanntenkreises. Und ein paar Handynummern. Was ich aber über all dem ganz vergessen habe, ist das Ommawörterbuch. Na ja. Ihre Bianca |
|
©2002 Stadtführer Verlag, Reinhard Bialas +++ Zauberer André eS! Der Zauberer für NRW |