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Ausgabe 139, September 2006  - Editorial - News-Klatsch-Trasch - Lyrik - Literatur - Trinken mit Willi - Kunst - Kneipentest
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Willi Nr. 139 - September 2006

Die Hand am Ohr

Bssssssssssssssss….
Da sitze ich hier und denke nach, was ich wohl schreiben soll… Und es grübelt und denkt in meinem Hirn, springt von hier nach da, aber die Muße küsst mich nicht. Keine liebliche Inspiration senkt sich über mein Haupt, nur denken, denken, denken. Und plötzlich kommt es mir in den Sinn, dass es mir um einiges besser ginge, wenn ich überhaupt nicht denken würde!

Nicht, dass ich meine Gedanken selbst machen würde, die den ganzen Tag in meinem Kopf rumschwirren, aber reizvoll der Gedanke, dass nichts als Stille im Kopf herrscht. Das muss man sich mal vorstellen. Einfach dasitzen und nicht denken. Das kommt heutzutage nur bei regelmäßigen 9Live-Zu-schauern vor. Oder auch nicht, schließlich müssen die den ganzen Tag die kompliziertesten Rätsel lösen. Neulich hab ich das zufällig mal gesehen, beim hin und herzappen zwischen Weltspiegel und der Christiansen. Da musste man in diesem Wort den fehlenden Buchstaben finden: _utter_rot. Mir war das ja relativ schnell ziemlich klar, aber tatsächlich wusste es sonst keiner! Unglaublich! Ganze 30 Minuten war die Nummer eingeblendet und keiner rief an, keiner wusste die Lösung! Kann man mal sehen, wie doof die sind. Vielleicht hat auch kein anderer geguckt, weil grad eine Gerichtsshow auf RTL angefangen hat, oder so. Ich wollte ja anrufen und dem Moderator den Gnadenstoß geben, aber ich Idiot hab bei mir die 01379-Nummer von den Stadtwerken sperren lassen. Das kommt mir auch nicht mehr vor!

Aber ich komme vom Thema ab. Ist es nicht so? Ginge es uns nicht allen besser, wenn wir einfach nicht denken würden? Wo fangen denn bitte schön die ganzen Scherereien, der ganze Ärger an? Was schert es meinen Fön, wenn meine Schwiegermutter mal wieder ausrastet, auch wenn sie mit dem Teil durch die Gegend wirft? Wenn sie das mit mir macht, werde ich jedes Mal wütend und muss die Katze treten. Auch ein gutes Beispiel! Fängt die vielleicht sofort an zu flennen und meckern, oder bekommt sie ein Magengeschwür vor Ärger? Nein, sie hackt mir einfach ihre Krallen ins Bein, faucht und verpieselt sich dann. Keine Spur von beleidigt. Wie angenehm würde ein Familientreffen ablaufen, wenn einfach keiner dabei denken würde. Alle sitzen einfach da, lächeln und sind glücklich, weil kein Gedanke kommt und einen den Tag versaut. Im Prinzip würde es ja völlig ausreichen, wenn ich der einzige wäre, der einfach nicht mehr denkt. Dann würde ich da sitzen, Törtchen auf dem Teller, Grinsen im Gesicht, um mich rum würden sich alle den Schädel einschlagen und ich kriege nichts davon mit, weil kein Gedanke auftaucht….ah, ah, aaaah, ich gerate ins Schwärmen…

Jemand wirft den Fön nach mir… wunderbar, kein Gedanke… Ein Spuckeflöckchen von der Uroma fliegt beim Sprechen auf meinen Kuchen, kein Gedanke, nur Kuchen. Ich und der Kuchen, wir sind eins! Ich und die Couch, wir sind eins. Gott! Gott und ich sind plötzlich alles! Die Welt verschwimmt, transzendiert alles Leid, verschwunden alle Hindernisse, entwichen alle Bindungen, entrückt mein Blick in Welt! Phantastisch! Ich muss schnell wieder los zum meditieren! Wir sehen uns! (as)

 
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