Ansichten einer Anachronistin
Liebe PolizeitministerInnen!
Es ist soweit. Ich war mal wieder ordnungswidrig. Es geschah nach dem Zahnarztbesuch, mit betäubter Backentasche, in welche zuvor Medizin und Zahnersatz ein-gebracht worden waren. Und das in meinem Alter! Ich bin allerdings auch wirklich nicht mehr die Jüngste. Darum zogen mich die FreundInnen und HelferInnen, die gegenüber der Kreuzung, die ich soeben überquert hatte, lauerten, umgehend aus dem Verkehr. Mit dem Überqueren der Kreuzung hatte ich bereits eine Regelüberschreitung begangen. Der Weg, den ich befuhr, galt in meiner Fahrtrichtung nicht bis über die Kreuzung hinaus. Nein. Er endete dort. Und ich, ich war nicht gefasst gewesen auf dieses plötzliche Ende meines Weges. Ich war darauf hereingefallen.
„Hier ist Einbahnstraße“, klärte mich Herr Kroese*, der Verkehrspolizist, gern auf.
„Ah“, nuschelte ich. Daraufhin hub Herr Kroese* an, mir und einem Mann, der sich die gleiche Ordnungswidrigkeit zu Schulden hatte kommen lassen, die Gefährlichkeit des Auf-der-richtigen-Seite-in-die-falsche-Richtung-Fahrens auseinanderzusetzen. „Die Fahrbahn ist hier viel schmaler als auf der anderen Seite der Kreuzung“, sagte er, „und wenn zum Beispiel mal ein Bus vorbeifährt, so wie jetzt gerade...“ Wir sahen gemeinsam dem passierenden Omnibus zu, wie er blitzartig um die enge Kurve schnellte. „Gut, hier ist eigentlich zwanzig, der fährt jetzt etwas schneller“, räumte Herr Kroese gutmütig ein. „Sofort anhalten“, schlug ich aufgeregt vor. „Wir führen ja heute keine Geschwindigkeitskontrollen durch“, hüstelte Herr Kroese*. Dann mussten der andere Mann und ich unsere Ausweise vorzeigen. Herr Kroese sprach den Namen des Mannes laut und deutlich in sein Überprüfungsgerät, das ihn mit einem Überprüfungen durchführenden Kollegen verband. „Sexualtäter“, gab das Gerät laut und deutlich Auskunft. Ich bekam einen gehörigen Schrecken. Der Sexualtäter nahm seinen Zahlschein entgegen und hatte es sehr eilig, uns zu verlassen.
Wörterbuchspecial: Best-of-Frauentausch-Versprecher
über den eigenen Schweinehund springen - über den eigenen Schatten springen
ich fühle mich wie das fünfte Kind am Rad - sich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen
Liebe Mitmenschen! Was wäre an dieser Situation zu verbessern gewesen? Herrn Kroese* kann man sein Handeln nicht zum Vorwurf machen. Er handelte sehr gewissenhaft. Gewissenhaft nahm er mich fest, gewissenhaft überprüfte er meine Personalien, gewissenhaft ließ er den rasenden Kamikazebus ziehen, denn es war keine Geschwindigkeitskontrolle anberaumt. Hier war Herr Kroese* nicht befugt. Wäre er befugt gewesen, einen Krankenwagen zu rufen, wenn das spielende Kind, das urplötzlich aus dem Verborgenen hätte auftauchen können, unter die malmenden Räder des Busses geraten wäre? Wir wissen es nicht. Doch wir wollen es hoffen. Ferner wollen wir hoffen, dass die VerkehrspolizistInnen demnächst mit einem Knopf im Ohr ausgestattet werden, der es ihnen erlaubt, geheime Informationen diskret zu übermitteln. Alternativ sollten auf der Polizeischule oder im Rahmen weiterbildender Seminare Zwanzig-Zeichen-in-fünf-Sekunden-schnell-tipp-SMS-Kurse angeboten werden. So könnte der eine Verkehrspolizist mit dem Anderen Geheimnisse austauschen, die für das unbefugte Ohr nicht zu erfassen wären. Denn schließlich möchte auch ich nicht, dass ein ganzes Gremium von Ordnungswidrigen darüber in Kenntnis gesetzt wird, falls ich mal Kopfschlächterin, Kindsräuberin oder Drogenbossin werde.
Diskret & top secret,
Ihre Bianca
* Name von der Redaktion geändert
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