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Willi Nr. 141 - November 2006

Literatur

DAMENWAHL
von Susanne Wanzke  - Buchhandlung Harms -

Allen Fans hochsommerlicher Temperaturen und allabendlichen Grillevents sei an dieser Stelle mein herzliches Beileid ausgesprochen: Die Zeiten scheinen nun trotz herrlicher Herbsttage endgültig vorbei zu sein. Höchste Zeit also, die verwaschene Kuscheldecke aus der Versenkung zu holen, eine neue Teesorte auszuprobieren und sich mit Frank Tallis aufs kerzenlichtbeschienene Sofa zurückzuziehen. Also nicht mit Frank Tallis persönlich, denn der wohnt in London ist als klinischer Psychologe tätig, aber um so lieber mit seinem ersten Roman um Max Liebermann (dem Gott sei Dank noch zwei folgen werden!).... Ich habe mich nur allzu gern mit ihm in das Wien um die Jahrhundertwende begeben: Der Polizist Reinhardt wird zu einem Tatort gerufen. Das junge Medium Charlotte Löwenstein ist tot aufgefunden worden; laut ihrem Abschiedsbrief hat sie, von einer höheren Macht wegen ihres unchristlichen Tuns gezwungen, Selbstmord begangen. Sie hat sich in dem Raum erschossen, in dem sie ihre Séancen abhielt - das Zimmer ist von innen verschlossen, in der Leiche kann keine Kugel gefunden werden, auch die Waffe fehlt. Reinhardt will weder an Selbstmord noch an eine übersinnliche Erklärung glauben und bittet einen Freund um Hilfe, den jungen Arzt Max Liebermann. Liebermann ist gerne bereit, Reinhardt bei seinen Ermittlungen zu unterstützen, kann er doch eine Methode benutzen, die in Fachkreisen gerade Furore macht: Die Psychoanalyse eines gewissen Professor Freud...
Herrlich, diese Schauplätze im Wien des Fin de Siecle, inklusive einer zarten Liaison zwischen Cafehäusern und Prater. Herrlich auch die Vielschichtigkeit der Handlungsstränge, zu denen nicht nur die Vater-Sohn-Beziehung des Protagonisten sondern auch die Begegnung mit Sigmund Freund als Archäologie-Sachverständigem und nicht etwa als Psychoanalytiker gehören. Und neben der lebendigen, dicht geschilderten Atmosphäre bleibt mit dem Poe´schen Motiv des „verschlossenen Raumes“ eine derart unheimliche und knisternde Spannung, dass ich froh war, als sich zwischendurch mal meine Katze tröstend zu mir unter die Kuscheldecke schob. Hatte da nicht gerade etwas von außen leise an der Wohnzimmertür gescharrt...?
Frank Tallis, Die Liebermann-Papiere, btb 2006, 12 Euro

 
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