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![]() Willi Nr. 141 - November 2006 |
Ansichten einer AnachronistinLiebe SpielverderberInnen! Und? Hat es Ihnen geschadet? Nein, das hat es nicht. Sie sind stattdessen ganz obenauf, vergnügt und bei bester Gesundheit, denn Sie sind eng verwandt mit dem Schwein. Das Schwein kaut Kartoffelschalen, die Sie persönlich nicht mehr unbedingt in die eigene Suppe schmeißen würden. Doch verursacht die bereits ältere Kartoffelschale einen Schaden im Inneren des Schweines? Nein. Sonst würde das Schwein zum Doktor gehen, und sagen: Herr Doktor, Herr Doktor, ich aß eine verdorbene Kartoffelschale, jetzt treibt sie ihr Unwesen in Rumpf und Gedärm! Hat man so etwas schon gehört? Da sehn Sie mal. Das Fleisch, das ein paar Tage gelegen hat, durchläuft den Menschen ohne Auffälligkeit, denn der Organismus des Menschen ist dem des Schweines in einem Ausmaß ähnlich, das manchem nicht behagen möchte. Es ist dennoch so. Wir sollten uns mit dem Schwein als Artgenossen arrangieren. Warum auch nicht? Das Schwein ist sehr robust. Auch der Mensch ist robust, erst das moderne Leben, die Discotheken, die Abgase, die heutzutage Feinstaub heißen, und der Elektrosmog lösen Erkrankungen aus, die uns in die Hände von Spezialisten treiben. Die Spezialisten sprechen mit uns über unsere Seele und ihre Belastungen. Auch der Papst, der ein Deutscher ist und darum unter den Deutschen viel Zuspruch und Verehrung erfährt, von der er in seinem früheren Leben nicht einmal zu träumen wagte, obwohl er da auch schon deutsch war, spricht über unsere Seele. Die Seele liegt neuerdings wieder ganz im Trend. Man darf wieder zu seiner Seele stehen und als stolzer Seeleneigentümer in Erscheinung treten. Das Deutsche und das Befassen mit der Seele scheinen dieser Tage eng miteinander verknüpft zu sein: Die schöne, in schlichtem Design gestreifte Flagge, welche die Farben unseres Landes ziert, flattert lustig in den Vor- und Schrebergärten. Man hat einfach vergessen, sie nach der WM wieder abzuhängen. Es ist schließlich nichts dabei, ein bisschen Patriotismus hat noch keinem geschadet. Guckt Euch mal die Amerikaner an! Die übertreiben es aber auch wirklich. Ebenfalls in einem Garten wurde neulich, wie das Fernsehen uns erklärte, ein sieben Meter hohes Kreuz errichtet, das dem Inhaber des Nachbargartens stark missfiel. Ein sieben Meter hohes Kreuz auf einem sechs Meter breiten Grundstück! Er sei ein christlicher Mensch, betonte der Nachbar, doch das ginge zu weit. Wie analysieren wir des Nachbarn Persönlichkeit, nach allem, was wir heute schon gelernt haben? Genau! Er ist ein Spielverderber. Dem Spielverderber kann man es nie recht machen. Er wird auch nicht mit dem schönen, neuen Gesetz zufrieden sein, das erst noch in Kraft treten muss. Denn das Gesetz vom Verbraucherschutz schützt den Verbraucher erstens gar nicht richtig vor dem schon ein paar Tage gelegen habenden Fleisch, es schützt ihn auch nicht vor siebzehn Meter hohen Kreuzen auf zweieinhalb Meter breiten Grundstücken. Es schützt ihn übrigens ebenso wenig vor den Attacken betrogener Ehefrauen, die ihren zukünftigen Exehemännern Hundefutter zu essen geben. Was die Ehefrauen allerdings ärgern dürfte: Das Hundefutter wird den zukünftigen Exehemann durchlaufen, ohne einen Schaden anzurichten. Tja, das Leben ist eben keine Gerichtsshow, in der immer das Gute siegt. |