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Willi Nr. 136 - Juni 2006

Der letzte Tag im Jahr

Silvester-Paranoia
Jahresende: Traumata und gute Vorsätze - Persönliche Notizen von Mone Hartman
Ich war etwa vier oder fünf Jahre alt, und ich hatte Geburtstag. Nachmittags waren Verwandte und ein paar meiner ‚kleinen’ Freunde aus der Nachbarschaft bei uns zu Hause, wir aßen leckere Berliner Pfannkuchen, durften im Wohnzimmer toben, in dem noch der geschmückte Weihnachtsbaum stand, und wir spielten mit dem Kaufladen, den ich zu Weihnachten bekommen hatte. Gegen Abend musste ich dann ins Bett, und die anderen Kinder verabschiedeten sich nach Hause. Und irgendwann später weckte mich meine Mutter wieder, zog mir warme Sachen an, und nahm mich mit auf den Balkon. Da standen auch noch die Verwandten herum, plauderten ausgelassen und  tranken Sekt. Als ich auf den Balkon kam, hockte sich einer nach dem anderen zu mir 'runter, knuddelte und knutschte mich und sagte irgendwelche frohen Wünsche. Dann stellte mich jemand auf einen Hocker, sodass ich über die Balkonbrüstung hinweg vom dritten Stock nach unten auf die Vorgärten und die Straße schauen konnte.

Der Anblick war großartig: Überall feiernde Leute, die umarmten sich und tranken und lachten, warfen krachende Knaller auf die Strasse und zündeten Raketen. Der Himmel war feierlich hell und bunt. Immer wieder winkten die Leute von der Straße fröhlich zu unserem Balkon hoch, prosteten, riefen irgendwelche Wünsche. Ich weiß noch, dass ich mich festlich ergriffen fühlte: Das alles zu MEINEM Geburtstag! All die Menschen feierten mit mir! Damals schon zum Grübeln neigend, fragte ich mich, warum beim Geburtstag meiner Mutter kürzlich nicht soviel gefeiert wurde. Überhaupt konnte ich mich nicht erinnern, dass bei irgendwem anders zum Geburtstag soviel los war. Und jetzt bei mir: Der ganze Himmel war eine Party! Überall Raketen, selbst ganz weit weg, die ganze Welt feierte meinen Geburtstag! Ich hatte nur eine Erklärung dafür: Ich musste ein ganz besonderer Mensch sein. Und warum sonst war ich weit und breit das einzige Kind, das jetzt noch wach sein durfte? Ganz klar, ich war ein besonderes Kind. Worin meine Besonderheit bestand, wusste ich zwar nicht, aber egal. Ein ganz besonderes Kind, ja. Ich hatte es schon immer geahnt, und jetzt war es klar.

Vielleicht war ich auch ein wenig berauscht von dem Glas Eierlikör mit Limonade, das ich zur Feier des Tages trinken durfte, jedenfalls fühlte ich mich wie eine kleine Königin, als ich dort auf dem Hocker stand und mit feierlichem Ernst all den Menschen da unten zuwinkte. Rätselhaft war mir, woher die alle wussten, dass ich Geburtstag habe; war meine Mutter von Tür zu Tür gelaufen und hatte allen Bescheid gesagt? Ich fand keine Erklärung und fragte meine Mutter. Das hätte ich vielleicht nicht tun sollen: Die Antwort war ernüchternd. Die Leute feierten gar nicht meinen Geburtstag. Es war Silvester, man feierte den Anfang eines neuen Jahres. Ich kann mich deutlich an das Gesicht meiner Mutter erinnern, während sie mir das erklärte:

Milde Nachsicht, gemischt mit einer gewissen Belustigung. Innerhalb weniger Sekunden stürzte ich aus meinem festlichen Hochgefühl in ein schwarzes, kaltes Loch. Die Leute feierten gar nicht mich. Ich war gar kein besonderes Kind. Die Welt da draußen kannte mich überhaupt nicht. Schlag-artig kehrte sich die Eierlikör-Berauschung ins Gegenteil, ein dumpfes Hohl breitete sich in meinem Brustkorb aus. Und wie blöd war ich überhaupt, dass ich etwas so Falsches vermutet hatte? Das belustigte Grinsen meiner Mutter.  Ich fühlte mich schrecklich. Kann mir gut vorstellen, dass ich in dieser Situation Lust hatte, noch einen Eierlikör zu trinken, aber es ist anzunehmen, dass ich mich damals noch nicht betrinken durfte. Wie ich ins Bett gekommen bin, was ich vor dem Einschlafen noch dachte, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich fühlte ich mich so dermaßen schlecht, dass mein Gedächtnis die Erinnerung verschüttet hat. Mein erstes schweres Kindheitstrauma.

In den nächsten Jahren machte mir das Feiern meines Geburtstags nicht sehr viel Spaß. Meist wurde ich zur Großmutter gebracht, weil meine Eltern auf Silvesterpartys gingen. Der Kindergeburtstag wurde immer „nachgefeiert". Keiner hatte so richtig Zeit für meinen Geburtstag. Nur die Oma, die alleine lebte. Also schaute ich mit  ihr  die Silvestershows im Fernsehen an und nippte an dem Eierlikör, den ich nach wie vor zu diesem Anlass trinken durfte. Mehr weiß ich nicht. Silvester ist ein blöder Tag, um Geburtstag zu haben. Eigentlich hätte ich laut Auskunft der Ärzte eine Woche früher zur Welt kommen sollen, irgendwann zu Weihnachten, aber ich kam ein paar Tage zu spät. Ich komme bis heute meistens zu spät. -

Etwa zehn Jahre später, als ich wohl fünfzehn wurde, hatte ich mein zweites einschneidendes Geburtstagserlebnis. Gemeinsam mit meinem Cousin wollte ich eine Party veranstalten, an Silvester. Er hatte ein paar Tage vor mir Geburtstag gehabt, und wir wollten nun zusammen mit einigen Leuten unsere Jahrestage feiern. Dummerweise kam uns die Idee erst knappe zwei Tage vor Silvester. Noch dümmer war wohl, dass wir beide zum damaligen Zeitpunkt keinen wirklichen Freundeskreis hatten; also sagten wir auf die Schnelle ein paar Leuten aus der Schule und der Nachbarschaft Bescheid. Die meisten sagten uns etwas wie „Ähm, Silvester, da bin ich schon woanders eingeladen, aber wenn da nix los is', komm' ich vielleicht mal später vorbei". Vielleicht mal, später. Ja.

An meinem Geburtstag also bereitete ich mit meinem Cousin den Partykeller meiner Eltern vor, unsere Mütter hatten Salate und Häppchen gemacht, mein Vater hatte Getränke besorgt. Am Abend saßen wir da und warteten. Irgendwann kam Martina, eine Schulkameradin von mir; sie war gleichzeitig das erste Mädchen, mit dem mein Cousin seit ein paar Wochen „ging". Da saßen wir dann also zu dritt. Und warteten. Meine Mutter kam zwischendurch 'rein und sagte, dass ich doch endlich das Bier aus den Kisten in den Kühlschrank stellen soll. Ich machte das dann auch, aber bei jeder Flasche, die ich ins Kühlfach packte, wuchs das Wissen um die Vergeblichkeit meines Tuns: Es würde ja doch niemand mehr kommen, um das Bier zu trinken. Wieder so ein dunkles, schwarzes Loch in meinem Brustkorb.

Wir warteten ziemlich lange und äußerst vergeblich: Es kam tatsächlich kein Mensch mehr zu unserer Geburtstagsfeier. Alle waren lieber irgendwo auf wahrscheinlich fetten Silvesterpartys unterwegs. Ich fühlte mich schrecklich. Und wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass jemand zu dieser viel zu kurzfristig organisierten Party kommt? Wie hatte ich ernsthaft glauben können, dass irgendwer mit mir feiern will, wo ich doch schon vor Jahren erfahren hatte, dass ich ein völlig unbedeutender und unbesonderer Mensch war? -  Wie wir den Rest des Abends verbracht haben, weiß ich gar nicht mehr. Drei Menschen, deren größte Gemeinsamkeit war, keine Freunde zu haben. Kann mir vorstellen, dass ich mich betrunken habe. War ja genug da. Am nächsten Tag jedenfalls waren nicht nur zahlreiche Flaschen Bier vernichtet, ich fand auch eine leere Flasche Mariacron. Wahrscheinlich fühlte ich mich so dermaßen schlecht, dass mein Gedächtnis die Erinnerung an jenen Silvesterabend verschüttet hat. Mein erstes schweres Teenie-Trauma.

Sicher habe ich noch einige andere Traumata erlitten, aber diese beiden kommen mir zur Jahresendzeit immer ins Gedächtnis. Sie wirken bis heute: Ich leide an einer Silvester-Paranoia. Hier jährt sich die schreckliche Erkenntnis, dass ich so gar kein besonderer Mensch bin. Nur einer von vielen. Die Welt da draußen, sie kennt mich nicht. Und bis heute habe ich nie wieder eine Geburtstags-Party veranstaltet. Partys wurden bei mir gefeiert, ja, aber niemals eine Geburtstags-Feier. Wenn am Ende wieder keiner kommt? Also bin ich zu Silvester immer über irgendwelche anderen Partys gestolpert oder durch Kneipen gewankt.

Heutzutage umkreise ich die Vierzig und sollte vielleicht etwas gelassener sein: Scheiß' auf die Traumata aus Kindheit und Jugend. Außerdem gibt es mittlerweile ein paar Leute in meinem Leben, die ganz bestimmt zu meiner Silvester - Geburtstagsfeier kommen würden. Hoffe ich doch.

Im Hinblick auf die Tatsache, dass der Mensch an sich für das Neue Jahr immer gern gute Vorsätze fasst, sollte ich mir dieses Jahr vielleicht vornehmen, endlich doch mal eine Geburtstagsparty zu veranstalten. Und für den schlimmsten Fall, dass dann wieder niemand käme? Glaube, ich bin mittlerweile gereift genug, dass ich in diesem Worst case genügend Contenance besäße, mich würdig und mit Fassung auch alleine zu betrinken. Schön wär's sicher nicht, aber keineswegs traumatisch. Ich bin noch immer kein besonderer Mensch, höchstens ein ganz besonders bekloppter; und der Welt da draußen bin ich noch immer unbekannt, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. Habe mich allmählich damit abgefunden.

Eine Fete zu machen, scheint mir ohnehin ein brauchbarer Vorsatz zu sein. Brauchbarer jedenfalls, als Rauchen und Trinken einzustellen, oder Sport machen zu wollen. Das ist doch nur anstrengend, die reine Quälerei. Deshalb lässt man's dann bald wieder bleiben. Eine Party ist etwas, das eigentlich Spaß macht. Ja. Das Saubermachen am Tag danach lässt sich verkraften. Vielleicht sollte man sich für das Neue Jahr überhaupt nur Dinge vornehmen, die Spaß machen: In Urlaub fahren, alte Freunde treffen, Partys feiern, sonntags faulenzen, und ähnliche Dinge.
Wenn man denn schon Vorsätze haben will, dann solche, bei denen man sich gut fühlt. „Gute" Vorsätze, eben (grins).
Die schönen Sachen zieht man dann wenigstens durch.
Ich jedenfalls werde weder das Rauchen, noch das Trinken einstellen. Ich werde feiern. Ja, genau.

In diesem Sinne wünsche ich allen, die das hier lesen, und speziell den „Willi"-Leser-Innen, einen fröhlichen Jahreswechsel und viele spaßige Vorsätze für 2007!

 
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