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Willi Nr. 143 - Januar 2007

Ansichten einer Anachronistin

Liebe VerbrecherInnen!
Das Gesicht ist ein Naturprodukt und kann ganz verschieden ausfallen, wie auch eine Kartoffel nicht der anderen gleicht, sondern über eine eher symmetrische oder eher asymmetrische Gestalt verfügt. Jedes das Erdenrund in seiner bunten Vielfalt bevölkernde Geschöpf ist sozusagen in liebevoller Handarbeit entstanden und mit viel Individualität ausgestattet worden. Aber stellen wir nicht dennoch frappante Ähnlichkeiten unter den Vertretern einer Art (Mensch, Frau, Kartoffel, Schabrackentapir, Archeopteryx) fest?

Oh ja! Und zwar nicht nur unter den miteinander Verwandten. Nein, auch der uns völlig fremde Passant, der uns mit seinem tropfenden Regenschirm haarscharf unser eines Auge aufgespießt hätte, kann die Züge eines Freundes oder Erzfeindes tragen, sodass wir mit Voreingenommenheit auf diesen Menschen reagieren und ihm zum Beispiel eins in die Fresse hauen wollen. Manchmal wollen wir auch mit ihm kopulieren. Aber darum geht es hier nicht! Es geht vielmehr um das vermutete Informationsarchiv, das hinter dem Gesicht, nämlich in den Einbuchtungen und Auskragungen des Schädels, dem Knorpelgeflecht, den Hautfalten und -taschen usw. verborgen liegt. Zumindest nach Ansicht unserer Väter, Väterväter und Väterväterväter.

Diese Vorfahren zogen schon vor vielen Jahren ihre Schlüsse. Gibt es das typische Verbrechergesicht,  die hämische Lügnervisage, die billige Hurenpfanne? Der Vorfahr beschränkte sich nicht auf die Theorie, er suchte rührig nach Beweisen für eine Typologie des Bösen, und zwar so: Er nahm Abdrücke von etlichen, ihm als repräsentativ erscheinenden Bürgerbirnen, vermaß, verrechnete und erstellte einen Katalog: Hier, da haben wir also einen zum Metzger geborenen Metzger, und Obacht, so sieht der zum gemeinen Dieb geborener gemeine Dieb aus. Vorspringende Kiefer, niedrige Stirnen und hämische, kleine Augen waren zum Beispiel schon mal ganz schlecht. Hinter niedrigen Stirnen hauste nicht der Anstand. Da hätte er ja gar keinen Platz gehabt! So dachten die Menschen, und so verging die Zeit, wie es bis heute ihre Gewohnheit ist. Jedoch zirkulieren auch heute noch echte, neue Phantasiewissenschaften durch die Gegend, die ebenfalls im Kopf entstanden sind, und zwar im von und nach mir selber benannten Stücker-Zentrum schräg hinter dem linken Ohr, wo die Moleküle wild hin und her sausen und sich zu komplizierten Gebilden zusammenfinden, die jeweils eine ganz eigene, Idee repräsentieren.

Zur neuerdings angesagtesten Phantasiewissenschaft neben Scientology zählt der Kreationismus. Der Kreationist behauptet, die Welt sei erst eine spezielle Anzahl von Jahren jung, die das Leben der Dinosaurier gleichzeitig mit dem Leben des  Neander-
talers ablaufen lässt. Wieso aber will der Kreationist alles im Zeitraffer erlebt haben? Ganz einfach: Er hat es in der Bibel gelesen und wörtlich genommen. Die katholische Kirche, von der viele nicht viel erwarten, ich persönlich aber schon, hält übrigens ausdrücklich gar nichts von den Dinosauriern als unseren zeitgenössischen Freunden. Ich glaube auch gar nicht, dass das gut gegangen wäre. Es hätte mit Sicherheit Ärger gegeben. Hier der stark von sich eingenommene Mensch, der immer im Mittelpunkt stehen will, und dort der Dinosaurier, der mit seinen über dreißig Metern Länge ehrgeizig auf einen Sieg im Wettbewerb Wer-wird-das-größte-Tier-auf-der-ganzen-Welt hinarbeitet.

Gewissermaßen hatte ja der Dinosaurier (insbesondere der Brontosaurus, der Tyrannosaurus und die ganzen VIPs unter den Urzeittieren) einen ähnlichen Hang zur Expansion wie der Kapitalismus, die Globalisierung oder Deutschland vor Fünfundvierzig, nur bezog er ihn ganz auf den eigenen Körper, da sein Gehirn zu klein war, um in Territorien oder Aktien zu denken. Na, das war ja mal ein Spurt durch die Jahrmillionen! Wie würde Peter Lustig an dieser Stelle sagen? Genau: Abschalten. 

Wissenschaftlich korrekt: Ihre Bianca

 
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