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Willi Nr. 156 - Februar 2008

Ansichten einer Anachronistin

Liebe AngestelltInnen!
Sie machen sich ja kein Bild davon, welche Konsequenzen es hat, wenn man keinen ordentlichen Beruf gelernt hat. Es bleiben einem dann nämlich nicht viele Möglichkeiten. Entweder, man wird Erfinder, Nacktputzer oder Lokalreporter. Ich persönlich habe mich dafür entschieden, Lokalreporter zu werden, weil man als Lokalreporter überall umsonst reinkommt, wofür andere Leute Eintritt bezahlen müssen. Leider bedachte ich im Vorfeld nicht, dass man auf diese Weise viel Elend zu sehen bekommt. Die meisten Geschehnisse sind harmlos (Weihnachtskonzerte), andere wiederum nicht (komödiantische Veranstaltungen). Denn der moderne Komödiant, der sich selbst gern neudeutsch als Comedian ausgibt, ist wie das Privatfernsehen: Er lässt sich nicht von seinem Verstand, sondern vom Verstand der Comedyfreunde leiten. Und da sind die Grenzen natürlich schnell erreicht. Denn wie es um den Verstand von Leuten bestellt ist, die irrtümlich glauben, der Fun-Freitag sei lustig, kann man immer wieder beobachten, wenn im Fernsehen spitzfindige Stimmen aus dem Off den Menschen auf der Straße Wissensfragen stellen.

Sie fragen zum Beispiel, je nach Jahreszeit, was wir an Ostern oder an Weihnachten oder am Tag der deutschen Einheit feiern. Über den Tag der deutschen Einheit wussten die Befragten besonders gut Bescheid. Ihr wisst ja, sagte die Stimme aus dem Off, dass es mal zwei Deutschlands gab. Die Befragten nickten beklommen. Und was hatte es damit auf sich, bohrte die Stimme aus dem Off heimtückisch nach. War das nicht, fragten die Befragten zurück, das mit Großdeutschland und Kleindeutschland? Und weil die selbsternannten Comedians wissen, worauf es ankommt, vagabundieren in ganz Großdeutschland ihre schlimmen Witze herum, die überwiegend um nackte Friseusen mit richtig feuchten Haaren kreisen. Denn das, denkt der Comedian, versteht der Fan. Der Comedian, der im öffentlich rechtlichen Fernsehen auftritt, umgibt sich hingegen gern mit der Aura des intellektuellen Anspruchs. Aber wenn Oliver Pocher neuerdings so tut, als wäre er Harald Schmidt, und die eingespielten Lacher ihm recht zu geben scheinen, kann es einem schon mal ein bisschen komisch werden. Man darf jedoch einwenden, dass der echte Harald Schmidt dafür schon seit Jahren manchmal so tut, als wäre er Oliver Pocher, insofern passt also alles ganz gut zusammen.

Ommawörterbuch Teil 73
Kulturbeutel - Kosmetiktasche

Doch nicht die ganz Großen, sondern vor allem die Mittelgroßen, Kleinen und ganz Kleinen verirren sich bevorzugt in die Provinz und bringen den Saal zum Toben, weil der Saal auf Biegen und Brechen unterhalten werden möchte. Ich habe für Spaß bezahlt, denkt der Saal, deshalb werde ich jetzt auch verdammtnochmal Spaß HABEN!

Und bekanntlich muss man ja nur wollen, dann klappt es auch. Einmal durfte ich mir in meiner Funktion als Lokalreporter fünf singende Stimmungskanonen angucken, deren großes Problem ihre Gescheitheit und ihr Talent waren, denn beides hätten sie leicht für einen guten Zweck einsetzen können. Taten sie aber nicht. Stattdessen reimten sie drauflos, bis der Arzt kam. Es ging um Sex, Sex, Sex, Beziehungen, Sex, Sex und Spielerfrauen. Der Saal lag unter dem Tisch vor Freude. Ich nicht. Spätestens bei den beiden Textzeilen: Früher war es nicht möglich, mir dich schön zu trinken, heute möchte ich vor dir auf die Knie sinken, oder: Sex wird überschätzt, Licht nicht, wurde es mir wieder ein bisschen komisch. Ich hoffe, Sie gehören nicht zu denen, die gelacht haben. Wenn es um Humor geht, verstehe ich nämlich überhaupt keinen Spaß. Wie gut, dass ich lauter übellaunige, misanthropische Comedyhasser kenne, mit denen ich über meine Gefühle sprechen kann. Diese Menschen retten mich regelmäßig aus der Einsamkeit, die mich immer dann befällt, wenn alle lachen und ich nicht. Oder umgekehrt. Aber über Lustigkeit lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Weiß: Ihre Bianca

 

 
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