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![]() Willi Nr. 157 - März 2008 |
LiteraturDAMENWAHL An Handlung hat das Buch „Die Minute mit Paul McCartney" nicht wirklich viel zu bieten. Im Jahre 1967 spaziert Paul McCartney mit seinem Bobtail durch den Londoner Regents Park. Es kommt zu einer kurzen Begegnung zwischen dem Beatle, einem Bobby, zwei fußballspielenden deutschen Studenten und einem Grüppchen kreischender Beatlesfans. Im Ganzen eine Minute dauert diese unspektakuläre Szene in McCartneys Leben, wird aber im vorliegenden Buch auf 66 unterschiedliche Arten und Weisen wiedergegeben. Wie eine „amüsante Fingerübung" kommt die Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven und Ansichten daher, und ist doch mehr, nämlich eine „raffinierte Inszenierung" von unzähligen Möglichkeiten, die allesamt die Wahrheit sein könnten. So lässt Delius die Begebenheit nicht nur von sämtlichen Beteiligten, sondern auch von Nichtbeteiligten, zufälligen Beobachtern schildern. Selbst der Hund, der Ball und der Rasen erzählen ihre eigene Version. Einige Beschreibungen sind formuliert als Google-Übersetzung, Gegendarstellung, Klappentext für Thriller, Konjunktiv, Sonett, Imperativ-Konzentrat, juristisches Gutachten, Augenzeugenbericht. Etwaigen Kritikern nimmt er gleich selbst den Wind aus den Segeln mit dem Kapitel „Rezension": „Wieder einmal scheitert Delius. Auch in seinem neuen Buch kann er sich nicht entscheiden zwischen Roman und Dokument, zwischen lyrischer Kurzform und epischer Breite, zwischen Realismus, Autobiografie und literarischen Spiel. Die kleine Form, in kleinen Happen, kleingeistig durchgeführt. Stil statt Stoff. Wieder einmal ist zu bedauern: Dieser Autor kann nicht erzählen oder will nicht erzählen. Noch schlimmer: Er weigert sich beharrlich, so zu schreiben, wie er unserer maßgeblichen Meinung nach schreiben sollte!" Da kommen der Fußballfan, der London- und der Beatlesfan auf ihre Kosten! Und der Liebhaber sprachlicher Spielereien auf alle Fälle! Auch wenn es sich hier nicht unbedingt um einen literarischen Geniestreich, sonder eher um eine Fleißarbeit in Sachen Stilformen handelt, vergnüglich ist die Lektüre alle mal und eine schöne Idee für ein „Mitbringsel statt Blumen" (oder wie bei uns zuhause als unterhaltsame Lektüre an dem Ort, wo selbst der Kaiser zu Fuß hingeht.). Friedrich Christian Delius
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