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Willi Nr. 157 - März 2008

Ansichten einer Anachronistin

Liebe schlechte VorbilderInnen!
„Den Assoziationen kann man nicht entlaufen“, sagt Bushido. Aha, denke ich und muss ihm zustimmen. Eigentlich interessiere ich mich nicht so sehr für Bushido, da er hauptsächlich Heranwachsende anspricht, am liebsten mit rustikalen Bezeichnungen wie zum Beispiel Nutte. „Damit meine ich ja nicht jede Frau“, plaudert er munter in seinem Talkshowsessel aus dem Nähkästchen, und wir ahnen schon, dass er uns jetzt wieder mit seiner Mutter kommen wird. Nichts gegen Bushidos Mutter, aber so genau möchten wir vielleicht gar nicht wissen, wie es bei Bushidos zu Hause so zugeht. Seiner Mutter gegenüber würde der Mann jedenfalls sehr wahrscheinlich keine Spezialausdrücke verwenden, der Öffentlichkeit gegenüber jedoch schon.

Von den Medien lernen wir deshalb, dass wir uns kein Beispiel an Bushido nehmen sollen, nicht nur wegen der Ausdrücke, sondern auch weil er in seiner Eigenschaft als Rapper sehr flink und rhythmisch Gedichte über den elften September zustandereimt, in denen er erklärt, dass er zahlreiche Personen auch mal gerne wegbomben würde, so wie die Kollegen mit den Flugzeugen, wenn ich ihn da richtig verstanden habe. Denn es ist gar nicht so leicht, ihn richtig zu verstehen, weil er seine Gedichte in einer Geschwindigkeit aufsagt, in der sich ansonsten nur sehr, sehr schnelle Dinge bewegen, wie das Licht oder der Schall. „Ich habe gar nichts verstanden“, bemerkt dementsprechend eine ältere, seriöse Schauspielerin, die man in dieselbe Talkshow eingeladen hat.

„Das geht mir richtig krass an der Seite vorbei“, sagt Bushido), aber nicht speziell daraufhin, sondern als Antwort auf die Frage, ob es ihn störe, dass manche Leute nicht hundertprozentig mit seinen Gedichten einverstanden seien. Ich muss mich beim Zugucken stark zusammenreißen, mir kein Beispiel an Bushido zu nehmen, denn man will ja immer genau das tun, was man nicht soll. Wenn mich zum Beispiel das nächste Mal die Polizei anhält und mich tadelt, weil ich ohne Licht fahre, sage ich einfach: Das geht mir richtig krass an der Seite vorbei, und radele unbeirrt weiter, das würde den Beamten vielleicht so sehr verwirren, dass ich damit durchkäme. Wenn es sich um eine Polizistin handelte, könnte ich sogar sagen: Das geht mir richtig krass an der Seite vorbei, du Nutte, aber das würde sie wahrscheinlich persönlich nehmen, und dann würde sie eine Verfolgungsjagd anzetteln und mich festnehmen, in Beugehaft und so weiter. Ich kann mich also gerade eben noch zusammenreißen, mir kein Beispiel an Bushido zu nehmen, doch je öfter ich ihn im Fernsehen sehe, desto schwieriger wird es. Vielleicht sollte ich deshalb mal einen Beruf ergreifen, zum Beispiel den Beruf des Medienberaters, dann hätte ich auch mit weniger Tagesfreizeit zu kämpfen.

Der Medienberater ist eine Art Qualitätskontrolleur, der prüft, wie lange der menschliche Verstand, der ja auf das Lernen ausgerichtet ist, es verkraftet, Leuten bei ihrem natürlichen Verhalten zuzusehen, an denen man sich kein Beispiel nehmen soll. Denn wie der Affe lernt auch der Mensch vieles durch Nachahmung. Was also geschieht, wenn ich DJ Tomekk schon wieder das Deutschlandlied singen höre? Mein Gehirn speichert Text und Melodie, die ich zwar jeweils schon kenne, doch durch DJ Tomekks Gesang wird die Information quasi noch einmal aufgefrischt. Die Medien sagen: Schlimm, schlimm, wie DJ Tomekk da wieder das Deutschlandlied singt, und zwar das verbotene, nehmt euch da mal lieber kein Beispiel dran, sonst fliegt ihr schnurstracks aus dem Dschungelcamp, aber vorsichtshalber zeigen wir es euch trotzdem noch mal. Ich als Medienberaterin rate: Schickt den Bushido doch einfach mal in den Urlaub. Und den DJ auch. Schickt sie auf die Malediven, da werden die Herrschaften es schon eine Weile aushalten. Und dann ist erst mal Ruhe. Keine Deutschlandlieder, keine Mütter, keine Nutten, keine Kameras, keine Assoziationen. Und kein Entlaufen, wegen Insel. Ich sehe schon, die Sache mit der Medienberatung, das wäre was für  mich.
Vorbildlich, Ihre Bianca

 

 
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