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Willi Nr. 159 - Mai 2008

Ansichten einer Anachronistin

Liebe MietnomadInnen!
Deutschland ist so gut wie leer. Verlassen. Wüstenartig! Und wer ist daran schuld? Richtig. Die Auswanderer. Früher galten sie noch als Exoten, heute gespenstern sie in Rudeln, um nicht zu sagen: in Horden durch die Privatsender. Sie haben unterschiedliche Ziele (Kanada, Skandinavien, Kanada, Skandinavien, Kanada, Skandinavien, Brasilien, spanische Urlaubsinseln, Südafrika), sind unterschiedlich groß und alt, haben unterschiedlich viele Kinder - doch eines ist ihnen allen gemeinsam: Sie können kein Kanadisch/Skandinavisch/Brasilianisch/Südafrikanisch. Oftmals wird ihnen dies zum Verhängnis und sie bekommen Heimweh. Eigentlich, denken sie, war es doch ganz schön in Hamm. Gut, den Ebertteich kann man vielleicht nicht mit den malerisch zerklüfteten Felsen und den Palmenhainen vergleichen, die so entspannend vor der Haustür im lauen Wind säuseln.

Auch sind die Bockum-Höveler nur halb so pittoresk wie die temperamentvollen Eingeborenen hier auf Fuerteventura. Hossa! Aber immerhin sprechen die Bockum-Höveler eine anständige Sprache, die man auch versteht. Wären wir mal lieber sofort nach Mallorca gegangen! Und aufgrund dieser Überlegungen werden aus den ehemaligen Auswanderern zukünftige Rückwanderer. Gut, denken sie bei einem Spaziergang durch die Lippwiesen, der raue Wind ist im Prinzip ja ganz ähnlich wie in den Weiten Kanadas. Auch hat man hier inzwischen fast genauso viel Platz wie dort, denn die viele Herumwanderei hat zahlreiche kahle Stellen hinterlassen, zum Beispiel in der Fußgängerzone. Und die kahlen Stellen sorgen für eine Art endzeitliches Flair, das wiederum andere emsige Wüstenbewohner anlockt: Die Mietnomaden. Die Mietnomaden sind so etwas ähnliches wie damals die gefährlichen Hunnen, bloß ohne Attila.

Haargenau wie während der echten Völkerwanderungszeit fallen sie in fremde Wohnungen ein und beginnen zu hausen. Und zwar pronto! Listig schmeißen sie das dreckige Geschirr auf den Balkon, werfen poltergeistartig die Möbel um, legen verschimmelte Mettendchen als Überraschung in den Kühlschrank und laden subversive Zerstörungshelfer ein, die sich zum Beispiel damit auskennen, wie man Klos verstopft oder giftige Pilzkulturen anlegt. Und das alles tun sie im Geheimen! Während nämlich das ständige Aus- und Rückwandern zu spektakulären Fernsehauftritten befähigt, wirken die Mietnomaden im Verborgenen. Nie bekommt man sie persönlich zu Gesicht, sondern immer nur die zurückgelassenen, in ihren Käfigen verendeten Haustiere. Wenn das Kamerateam anrückt, sind die Mietnomaden längst über alle Berge, auf der Suche nach neuen Schlachtfeldern. Alles, was uns Zuschauern, die bekanntlich ein Recht auf spannende Unterhaltung haben, geboten wird, sind langweilig vor sich hin leidende Vermieter, die sich die Renovierung nicht leisten können und darum schlechte Laune haben.

Ist DAS vielleicht Entertainment? Genau. Deshalb kommen die betrogenen Vermieter auch nie zur Primetime, sondern immer nur in den Mittagsmagazinen, und eine eigene Die-betrogenen-Vermieter-Show kriegen sie auch nicht. Ist ja auch ganz logisch, schließlich wollen wir Action! Lieber Herr Sat 1, Herr Pro 7 usw., hätten Sie mich doch bloß mal schon viel früher gefragt! Denn ich habe DAS neue Erfolgsformat schon fertig im Kopf, es muss mir nur noch einer abkaufen: Die Miet-nomaden - intime Einblicke, nie gezeigte Bilder! Erleben Sie die Mietnomaden ganz privat - ungezügelt, anarchisch, nackt! Sie können es mir glauben, der Mietnomade ist der Popstar von morgen. Er ist ein Held zum Anfassen, da er ja sowieso dauernd unterwegs ist. Außerdem lebt er das rustikale Leben, das der Popstar sich nicht mehr traut. Wann haben wir zum Beispiel zum letzten Mal von verwüsteten Hotelzimmern gehört? Eben. Ganz anders der Mietnomade. Der Mietnomade hält sich gar nicht erst mit Hotelzimmern auf. Hotelzimmer, ha! Der Mietnomade legt gleich ganze Häuser lahm. Der Mietnomade ist das Idol der Zukunft! Vielleicht sollte ich  schon mal einen Castingaufruf starten.

Ihre Bianca

 

 
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