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![]() Willi Nr. 160 - Juni 2008 |
Ansichten einer AnachronistinLiebe ArbeitsloserInnen! Haha, amüsiert sich der Alpenglühengucker, hast du schon mal Alpenglühen geguckt, total lustig, alles voller Berge und Täler und Heuballen! Und am Ende sind immer alle nackelig! Das Nackelige kann man allerdings auch woanders geboten bekommen, zum Beispiel bei 24-Stunden-Big-Brother-live. Bei jeder Gelegenheit reißen sich die Gecasteten, die sich von Anfang an darum gerissen haben, dauernd aus dem Hinterhalt gefilmt zu werden, die Klamotten vom Leib und zeigen dem Interessierten, wie es darunter zugeht. Häufig kommt sog. Körperschmuck zum Vorschein, niemals aber ein behaartes Frauenbein. Das behaarte Frauenbein ist ein Tabu, das nur unter ausgesuchten Umständen gebrochen werden darf, zum Beispiel von Gwyneth Paltrow, die sich aber wiederum lieber geplant statt aus dem Hinterhalt filmen lässt. Als Gwyneth Paltrow mal zu Besuch war, hat ein findiger Bild-Reporter sogleich bemerkt: Unepilierte Beine! Doch er ließ Gnade vor Recht ergehen und notierte: Blonde Härchen, darum akzeptabel. Puh, Glück gehabt, Gwyneth! Das hätte schließlich auch ins Auge gehen können. Mir ist der ganze Fernsehscheiß und das viele Bildzeitunglesen jetzt jedenfalls zu blöd, viel lieber will ich auch was erleben und am besten dafür sehr gut bezahlt werden. Also ran an die Stellenangebote, die Konjunktur boomt, alle sind so gut wie reich, ich auch! Euphorisch rufe ich überall an. Leider melden sich immer Zeitarbeitsfirmen, die Leute mit geballter Körperkraft suchen, die Gabelstapler und/oder LKWs fahren können. Kann ich nicht. Egal. Weiter. Bei Real suchen sie Leute, die den Chefs ihre Regale mit Sachen vollstellen, damit sich die Sachen bequem im Vorbeigehen wegkaufen lassen. Supidupi, denke ich, da fühle ich mich extrem qualifiziert! Am Telefon stellt sich heraus, dass quasi ein ganzes Bataillon Sacheneinräumer gesucht werden. Toll, denke ich begeistert. Die für mich zuständige Frau schreibt sich meine Telefonnummer auf. Natürlich, sagt sie sinngemäß, muss man ein bisschen sparen, wenn man so viele Menschen beschäftigen möchte. Man würde aber trotzdem etwas bezahlen, immerhin sechs Euro die Stunde. Na ja, denke ich, in Afrika haben sie es schlechter, das hört man ja immer wieder, verseuchtes Wasser und so, da kann man sich hier wegen sechs Euro doch wirklich nicht beklagen. Die Frau verspricht sich zu melden. Das Versprechen hat sie nicht gehalten. Ebenso wenig wie die meisten anderen. Ich glaube, ich werde das demnächst auch mal zu meinem Hobby machen: Stellenangebote aufgeben für Phantasiearbeitsplätze! Sehr wahrscheinlich sitzt irgendwo ein listiger Schelm herum, der sich den ganzen Tag Stellenanzeigen ausdenkt. Mal gucken, wer da so anruft, harharhar, lacht er sich dabei ins Fäustchen, hoffentlich viele Menschen in Notlagen! Vielleicht wäre das aber sowieso alles nichts für mich gewesen. Viel schöner fände ich etwas mit Kick, etwas Aufregendes, Spannung, Adrenalin! So wie im Big-Brother-Haus, wo man nie weiß, wer einen gerade alles beim Selbstgesprächeführen betrachtet. Ich schlage noch einmal die Zeitung auf und erschauere: LIDL sucht Mitarbeiter! Und zwar sämtliche Sorten, Filialleiter, Verkäufer, alles! Für alle Filialen in Hamm! Ich glaube, das ist genau das Richtige für mich! Leider habe ich nicht Verkäuferin gelernt. Denen ist das aber egal, denn man soll sich auch bewerben, wenn man noch nicht im Handel tätig war. Liebe große LIDL-Brüder, ich komme! Von mir aus auch nackt.
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