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Willi Nr. 162 - August 2008

Knappkorte

Knappkortes Senf: Des Kaisers neue Kleider?
Ansichten eines penetranten Zeitgenossen

Kürzlich war ich an der Pauluskirche zum „Kunstdünger“, der Veranstaltungsreihe des Hammer Kulturbüros. Seit vielen Jahren schon ist diese beliebte Reihe ein Publikumsmagnet, jedenfalls bei halbwegs schönem Wetter. In erster Linie, weil man (fast) immer wieder interessante, atemberaubende, exotische, oder wenigstens lustige Darbietungen zu sehen bekommt, zum zweiten natürlich, weil es nix kostet. Bei meinem Besuch im Juli standen, neben etwa fünfhundert Zuschauern auf dem Kirchplatz, zwei Akteure auf der Bühne, und machten irgendwas. Ich befand mich recht weit hinten, konnte aber die Bühne sehr gut sehen. Nun hatte das Publikum offensichtlich viel Spaß an den Faxen, die die beiden Künstler machten, denn es gab immer wieder, zwar verhaltenen, aber doch Szenenapplaus und Heiterkeit.

Ich, ehrlich gesagt, konnte mit dem Dargebotenen recht wenig anfangen, ja ich fragte mich sogar dann und wann, ob die österreichischen Künstler uns verarschen wollten. Von Akrobatik, Komik oder wenigstens versteckten, intellektuellen Späßen vernahm ich nichts. Nun wollte ich aber nicht als Spielverderber oder Dummdödel gelten, also klatschte ich hin und wieder auch, obwohl ich dazu keinen Anlass sah. Aber schon gar nicht wollte ich den Eindruck erwecken, dass ich das Geschehen auf der Bühne nicht verstünde, wer gibt schon gern zu, zu blöd für lustige Unterhaltung zu sein. Doch direkt vor mir stand der Kulturredakteur des Westfälischen Anzeigers, der eifrig Notizen machte, und erst, als ich am nächsten Morgen den Artikel las, der aus diesen Aufzeichnungen entstanden war, stellte ich erleichtert fest, dass ich wohl mit meiner Einschätzung über die Qualität dieser Vorstellung nicht so falsch lag.

Ein Stein fiel mir vom Herzen, denn der Redakteur schrieb mir aus der Seele. Ich war also nicht zu blöd, nicht zu humorlos und nicht zu blasiert, um schlichte Unterhaltung zu verstehen. Wohl aber zu zurückhaltend, um meinem Unmut durch lautes Pfeifen Buh- oder Aufhööörenrufe Nachdruck zu verleihen. Warum eigentlich? Man verstehe mich nicht falsch, ich will hier nicht (nur) diese Kunstdünger-Aufführung bemeckern, lediglich etwas mehr Ehrlichkeit und Mut einfordern, schlechte Leistungen auf Bühnen, oder sonst wo, zu ahnden. Gerade in der bildenden Kunst gibt es auf nicht wenigen Leinwänden Werke zu bestaunen, deren Sinn im Verborgenen zu schlummern scheint. Oft tappt auch der schaffende Künstler im Dunkeln, wenn er sein Werk im Nachhinein betrachtet. Im günstigsten Fall überlässt er es den Flammen, wenn er jedoch Beziehungen hat, kennt er einen Kunstexperten, der mit für gemeines Publikum völlig unverständlichen Worten das Werk nachträglich als Höhepunkt einer Schaffenskrise, und als „aus dem Seelenleben eines Zerrissenen“ bezeichnet.Dann wird kaum ein Betrachter offen zugeben, dass er dieses Bild einfach nur Scheiße findet. Schließlich hat der Künstler all seine Pein, seinen Schmerz und alle Qualen dieser Welt in sein Kunstwerk eingebracht, und wenn er konsequent gewesen ist, hat er sich eine Knarre in den Mund geschoben, und abgedrückt. Dann ist er der Nachwelt auch gleich das Zehnfache wert.

Vergleichbar ist so etwas durchaus mit vielen Statements oder Reden unserer Politiker. Loriot hat das einst auf unnachahmliche Weise in einem Sketch verarbeitet. Ein Politiker hält eine fünfminütige Rede und sagt schier gar nichts. Wenn man die verbalen Ausscheidungen unserer Volksvertreter einmal Satz für Satz auseinanderpflückt, bleibt nicht mehr übrig, als: „Ich und meine Partei sind die besseren, wir allein werden Euch verarschen, ohne dass Ihr es merkt.“ Und das ist auch der Grund, warum heutzutage überhaupt noch Politiker oder Parteien gewählt werden - keiner der „mündigen Bürger“ will wirklich zugeben, dass er schon lange nichts mehr versteht. Denn wenn das so wäre, die Wahlbeteiligung läge bei null.

Halt, ein Unterschied von Künstlern zu Politikern besteht doch: Wenn ein Politiker sich umnietet oder aus einem Flieger ungebremst zu Boden saust, hat er meist Dreck am Stecken . . ! Und er steigt nur selten im Wert.
Herzlichst, Euer Knappkorte

 

 
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