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Willi Nr. 162 - August 2008

Ansichten einer Anachronistin

Liebe KulturforscherInnen!
Ich als Einsiedler gehe ja niemals vor die Tür. Vor ganz kurzem machte ich jedoch eine Ausnahme, denn mir war nach Exotik, nach Abenteuer, nach fremden Kulturen. Ich wollte etwas erleben! Ich also erst mal in die Zeitung geguckt. Aha, dachte ich, Tempelfest. Fein, dachte ich, da geh ich nicht hin. Das ist ja Mainstream, wusste ich aus Erfahrung, da war jeder schon mal, wegen Bollywood. Aber nicht mit mir, beschloss ich, denn ich, ich bin vom Pioniergeist erfüllt, ich will Dinge mit Seltenheitswert sehen. Dinge, die vom Aussterben bedroht sind, mindestens!

Da brauche ich ja eigentlich nur vor die Tür zu gehen, mir ein Klappstühlchen aufstellen und Leute gucken, feixte ich ihn Gedanken. Neinnein, dachte ich, wenn schon, denn schon. Wenn Tempelfest ist, gibt es garantiert irgendwo auch eine Gegenveranstaltung, die mit zwanzig Besuchern (alles Verwandtschaft) hartnäckig um Aufmerksamkeit ringt. DA will ich hin. Ich also erst mal Tasche gepackt, Sonnenbrille auf, Handschuhe an (wegen der Keime u. Bazillen). Wenn ich etwas unternehme, dann auch richtig, mit allem, was dazugehört: Hut, Regencape, falscher Ausweis, Punica. und Fotoapparat, damit ich mit mir selber im Anschluss einen schönen Dia-Abend verbringen kann. Ich halte ja im Großen und Ganzen nichts von Freunden und Bekannten. Nachdem ich zwei Stunden am Bordstein auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet hatte, wurde es mir zu blöd. „Dann geh ich eben zu Fuß“, schnauzte ich beleidigt. Nur wenige Stunden später kam ich auch schon an meinem Ziel an. Hui, dachte ich beeindruckt, hier ist es ja wirklich richtig extravagant! Ich habe mir offenbar nicht zuviel versprochen. Und tatsächlich: Zahlreiche Menschen säumten den Straßenrand und blickten konzentriert nach rechts. Aus dieser Richtung drang dumpf ein allmählich anschwellendes Grollen.

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Die Tauschmutter hat hier voll die Hose an - Die Tauschmutter ist hier der Chef

Wie auf der Galeere, assoziierte sich, aber ich war ja nicht am Strand. Gemächlich rollte ein Polizeiauto an mir und der vielköpfigen Menge vorbei. Aha, analysierte ich, staatlicher Schutz. Interessant. Das Grollen näherte sich unaufhaltsam, jetzt konnte ich schon etwas sehen, sogar aus drei Metern Entfernung. Ich bin ja sehr kurzsichtig, weshalb ich immer meine Forscherbrille in HNO-Arzt-Optik trage. Ich erkannte: Eine gemischtgeschlechtliche Clique haute brachial auf Schlaginstrumente, die dicht am Körper getragen wurden. Mit weiterem Verlauf des so erzeugten Lärms traten beißende Töne hinzu, die durch glockenspielartige Apparate hervorgerufen wurden. Ganz vorne hielt einer ein verschnörkeltes Schmuckobjekt in die Luft, das den Zug anführte wie eine Galionsfigur. Plötzlich: Stille. Die Radaubrüder verharrten. Gespannt verfolgte ich, wie es weiterging. Überraschend setzte sich der Trupp wieder in Bewegung und sauste wendig an mir vorüber. Nun sah ich, dass die Musikanten von einer ganzen Horde grün-weiß verkleideter Herren verfolgt wurde. Oha, dachte ich, wenn das mal gut geht. Manche trugen sogar Gewehre! Daher also auch die Polizei. Ich kam voll auf meine Kosten und knipste, was das Zeug hielt. Das Schlusslicht bildeten friedfertig erscheinende Gesellen, die in wellenförmigen Linien hinterdrein traudelten. „Entschuldigung“, rief ich laut und deutlich, um das urwüchsige Rasseln, Scheppern und Dröhnen der Kapelle zu übertönen, „haben Sie vielleicht getrunken?“ Das könnte nämlich gut sein, dachte ich, die sehen aus, als wenn sie alle einen im Kahn haben. Leider bekam ich jedoch keine Antwort. Vielleicht, überlegte ich, gibt es dafür rituelle Gründe. Vielleicht dürfen sie nicht mit Außenstehenden sprechen. Was soll’s, dachte ich, packte meine Camera ein und machte mich gut erholt auf den Heimweg.
Auf den Spuren des Brauchtums wandelt:
Ihre Bianca

 

 
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