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Willi Nr. 163 - September 2008

Ansichten einer Anachronistin

Lieber HutträgerInnen!
Manchmal gucke ich Frühstücksfernsehen. Dann haue ich mich auf die Couch und denke zufrieden: Haha, ANDERE müssen arbeiten, ICH gucke Fernsehen! Im Frühstücksfernsehen geht es meistens um Leute, die ebenfalls nicht arbeiten müssen, ihre Zeit allerdings nicht mit Fernsehengucken, sondern mit Partys, Schreiten auf dem roten Teppich und Affären mit ihren Hausangestellten verbringen. Manche nehmen auch einfach den ganzen Tag lang Drogen, werden dafür aber zur unerotischsten Frau des Jahres gewählt. Damit einem das nicht selbst passiert, achten alle anderen Berühmten sehr genau darauf, dass man sie für gepflegt hält. Ach so, denken die normalen Leute, na ja, also, das Gesicht wasch ich mir auch. Obacht! Gesichtwaschen und Gepflegtsein ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wie Feuer und Wasser, wie Arsch auf Eimer, wie Sodom und Gomorrha! Gepflegtsein bedeutet für den Mann: Rasierwasser, keine Löcher in der Kleidung, nichts mit Knoblauch gegessen. Für die Frau hingegen bedeutet Gepflegtsein: Parfüm, Nägel gemacht (Geltechnik), Zähne gebleached, Make-Up, Puder, Schaumfestiger, Kajal, Lidschatten, Lippenstift (dezent), Körperhaare ratzekahl ab. Für alle Adligen kommt außerdem noch die Komponente Hut hinzu. Die Komponente Hut darf nicht fehlen, insbesondere bei Spezialanlässen! Und Spezialanlässe sind für Adlige eigentlich alles, was Aufsehen erregt. Hochzeiten, Beerdigungen, Geburten, Gartenpartys bei sich selber zu Hause, Gartenpartys bei anderen Berühmten zu Hause und Rennbahn.

Best-of-Frauentausch Versprecher-Special
Die Tauschmutter:Wir frühstücken immer zusammen, auch wenn wir nichts essen“

Das weiß eigentlich auch Sibylle Weischenberg, die Berühmtenexpertin des Sat-1-Frühstücksfernsehens. Trotzdem stellt sie sich aber doof, als der Mann, der durch die Sendung führt, auf Camilla zu sprechen kommt. WIR wissen natürlich, dass es quasi gar keine andere Möglichkeit für Charles gab, als das Auto umzubauen, damit die Frau inklusive Hut überhaupt reinpasst. Schließlich hat Camilla den Hutzwang nicht erfunden, sie hält sich lediglich an die Etikette! Soweit also alles ganz logisch. Der Mann, der durch die Sendung führt, sieht das sofort ein. „Wenn man seine Frau liebt“, sagt er weise, „macht man halt so was.“ Doch die Berühmtenexpertin wird unsachlich. „Genau“, stimmt sie hinterhältig zu, „wenn man seine Frau liebt und sie sieht aus wie Camilla, möchte man sie verstecken.“ Liebe Expertin! So wird das nichts mit der Emanzipation!

Berühmtenexpertinnen im Frühstücksfernsehen sind aber nicht das einzige Relikt aus alter Zeit, das mich beim Wohlbefinden stört. Auch langjährige Beamte haben gelegentlich das Gefühl, eine Dame auf ihren Hut beziehungsweise ihr Gewand, wie der Österreicher sagt, ansprechen zu müssen. Einmal war zum Beispiel Sommer und ich ging in einem Kleid zur Polizei. Das Kleid war ganz normal, denn es kam von H und M. Die Polizei war auch ganz normal, denn sie gab sich volksnah und rustikal. „Oh, heute in Weiß“, begrüßte sie mich ausgelassen. Ich nahm Platz und sprach über meine Befürchtungen bezüglich eines geheimen Verfolgers. Die Polizei guckte im Computer nach, und amüsierte sich über die Informationen, die sie dort auffand. Ich erkundigte mich, was so lustig sei. „Neugierig, die Weiber“, spaßte die Polizei. „Welche Weiber“, spaßte ich zurück. Ich fühlte mich ein bisschen wie bei Dr. Psycho oder wie in einem Paralleluniversum. „Wennse das nächste Mal zur Polizei gehen“, zwinkerte die Polizei, „dürfense sich aber nicht so schick machen, das sind ja auch nur Männer hier!“

Zum Glück, dachte ich, habe ich wenigstens auf den Hut verzichtet.
Hutlos glücklich,
Ihre Bianca

 

 
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