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![]() Willi Nr. 166 - Dezember 2008 |
WeihnachtsgeschichteLebkuchenherz Plötzlich und unerwartet. Ich hatte noch kein einziges Weihnachtsgeschenk für meine Lieben, hatte zwar ganz gute Ideen, die elende Einkauferei schob ich aber vor mir her, würde das, wie jedes Jahr, wohl in den letzten Stunden vorm Heiligen Abend erledigen. Hatte ich gedacht, kam aber anders. Es kam so, dass ich jetzt an einem Ort war, an dem ich mich keineswegs wohlfühlte, nicht nur wegen des Jammerweibs und der furzenden und rülpsenden Alten. Ich kenne niemanden, der sich hier wirklich wohl fühlt, schon gar nicht zur Weihnachtszeit. Und jetzt lag ich da, ein Tag vorm Heiligen Abend, und wartete darauf, dass man endlich in mich eingriff. Plötzlich und unerwartet, na gut nicht ganz, Beschwerden hatte ich seit einiger Zeit gehabt, komische Sachen, in den letzten Wochen wurde es schlimmer. Kurzatmigkeit bei schnelleren Schritten, ein Druck auf der Brust, manchmal ein von dort strahlender Schmerz, den Hals hoch bis um den Kiefer, und beim Gehen auch Schmerzen im linken Arm. Immer nur bei Bewegung. Schob das auf mein Alter: Sie sind jetzt vierzig, meine Liebste, sie werden alt, sagte ich mir. Dachte auch an meine Lunge: Starke Raucherin, ja, die Lunge vielleicht, ach du Scheiße. Als mir dann nach zehn Treppenstufen die Luft fast völlig wegblieb, das Herzchen humperte und ich drei Minuten lang dachte, jetzt isses vorbei, ging ich doch mal zum Arzt. Nach ausführlicher Beschwerdenschilderung tippte mein Dottore nicht auf Lunge, sondern auf Herz, redete von Angina Pectoris. EKG, Belastungs-EKG, und ziemliche Besorgnis: Er schickte mich direkt ins Krankenhaus. Ach du Scheiße, dachte ich, kurz vor Weihnachten in die Klinik, mit dem Geschenkekaufen wird das jetzt nichts mehr. Vielleicht wird das mit Weihnachten auch nichts mehr. - Da lag ich also, auf einem Zimmer mit zwei fürchterlichen alten Weibern. Die eine, ziemlich fett, lag nur wortlos im Bett, auf der Seite, in regelmäßigen Abständen rülpste und furzte sie, ganz erbärmlich, und zwischendurch hörte man von ihr so ein nerviges Wimmern. Die andere war seit Ewigkeiten in Krankenhäusern unterwegs, erzählte die ganze Zeit davon, neue Hüfte, Herzschrittmacher, jetzt hatte sie noch Magenbeschwerden: „Die wollen eine Spiegelung machen, da hab ich Angst, ich hab sicher Kräps, ich hab sicher Kräps”, das jallerte sie alle Stunde, heulte dabei, und: „Ich will doch Weihnachten zu Hause sein!”. Wer will nicht an Weihnachten zu Hause sein, Familie, Freunde, leckeres Essen, gemütliche Stunden, und so weiter? Auch ich hatte keine Lust, diese Tage mit nervigen Halbtoten zu verbringen. Man hatte noch einige Untersuchungen bei mir durchgeführt, und mir dann eine Katheteruntersuchung ans Herz gelegt: Verdacht auf verstopfte Adern. Ich hatte keine Ahnung von diesen Dingen und willigte ein, das am Tag vor Heilig Abend noch durchführen zu lassen. Man klärte mich über die Risiken auf: Unter anderem könnte ich bei der Untersuchung einen Herzinfarkt erleiden, „aber dann liegen sie ja gleich auf dem richtigen Tisch”, scherzte der Arzt. Durchaus tröstlich, durchaus. Jetzt lag ich da, früher Morgen, und wartete darauf, dass man mich ins Herzkatheterlabor brachte. Ich bettelte noch um Valium, vor dem Eingriff, weil allein der Gedanke, dass die da gleich bei mir nur unter örtlicher Betäubung, bei vollem Bewusstsein durch meine Blutbahnen fahren und in Herzensnähe rumstochern, allein dieser Gedanke brachte mich in die Nähe eines Infarkts. Ich bekam das Valium, Diazepam, bekam so ein hinten offenes Kleidchen an, und dann schob man mich durch die Gänge ins Labor. Überall weihnachtliche Deko auf den Fluren. Dann im Labor, Herzkatheter wurde gesetzt. Auf großen Monitoren meine Herzkranzgefässe. Irgendwann unterbrach der Arzt seine Arbeit und sagte: „Frau Goldstein, Ihr Herz ist sehr krank.” Eine völlig verstopfte Arterie. Und er sagte, dass er jetzt versuchen würde, die verstopfte Ader aufzudehnen und einen Stent zu setzen, so ein elastisches Röhrchen, das die Ader offenhält. „Wenn das nicht klappt, müssen wir über eine Bypass-OP nachdenken. Sie leben gefährlich in Herzinfarktnähe”. Zwei Worte drangen drohend in mein valiumgeschwängertes Hirn: Bypass, Herzinfarkt. Wie denn bitte, so krank das Herz, mit vierzig? Ach du Scheiße! Ich lag starre und ließ den Arzt in mir hantieren, mein Kopf war leergepustet. Nach Minuten, die mir wie Ewigkeiten vorkamen, lächel-te der Arzt mich an und sagte: „Geschafft! Die Ader ist frei, der Stent ist implantiert. Jetzt kann das Blut wieder fließen. Das ist mein Weihnachtsgeschenk für sie!”. Ich wurde in einen Überwachungsraum gebracht, dort musste ich stundelang still auf dem Rücken liegen, damit die Einstichwunde vom Katheter, in der Leiste, keine Probleme machte. Die Stunden zogen sich endlos, ich hätte gern eine Zigarette geraucht. Na klar, dachte ich, auf die Herzkrankheit erstmal eine rauchen! Warum eigentlich, dachte ich, mit vierzig so 'ne Krankheit? Hatte ich zuviel Stress gehabt, zu ungesund gelebt, zu viele Partys, zuviel geraucht, Veranlagung? Später kam noch mal der Operateur und gab mir ein paar Erklärungen, sagte, er habe mein Herz ja wieder in den Status 'gesund' gebracht, und jetzt müsse ich dafür sorgen, dass das auch so bleibt; ich müsse zehn Kilo abnehmen, mich gesünder ernähren, auf Cholesterinwerte achten, Sport treiben, Medikamente nehmen, und mit dem Rauchen aufhören. Ach du Scheiße, dachte ich, Sport und gesund und keine Kippen mehr? Ach du Scheiße. Immerhin könnte ich dann noch gute dreißig Jahre leben, meinte der Arzt. Na immerhin. Ich verbrachte die Nacht mit wirren Träumen. Am nächsten Morgen noch Untersuchungen, und dann kam irgendwann der Arzt und sagte, dass alles prima aussehe, ich könne jetzt nach Hause, solle mir noch ein paar Tage Ruhe antun. Wirklich? Wirklich! Irgendwie ging mir das alles zu schnell. Gestern erst erfuhr ich, dass mein Herz sehr krank ist, dann hat der Arzt das Herz ganz flugs wieder hergestellt, und schwupp ist alles vorbei, ich kann nach Hause, Weihnachten feiern. Weihnachten. Ich war froh, von diesen alten Weibern aus dem Krankenzimmer wegzukommen, packte meine Sachen. „Sie können nach Hause, und ich?”, sagte die eine eher missgünstig zu mir; „Ich will doch auch Weihnachten zu Hause sein! Aber ich hab sicher Kräps”, und sie fing wieder an, zu heulen. „Das wird schon”, sagte ich aufmunternd, und ging aus dem Raum. Die Fette furzte mir zum Abschied noch hinterher. Nichts wie weg hier. Ich fuhr mit dem Taxi nach Hause und versuchte, mich über mein Weihnachtsgeschenk zu freuen, die freie Ader, die wiederhergestellte Gesundheit. Eigentlich ein wirklich schönes Geschenk. Dass ich selbst keine Geschenke für meine Lieben hatte, war nicht weiter schlimm. „Macht nix, Du kannst uns später was schenken”, sagten meine kleinen Bruderkinder lieb zu mir, „Hauptsache, Du bist da”. Ja, dachte ich, ist doch schön, Weihnachten dort zu sein, wo man gerne ist, bei der Familie, bei Freunden. Ich dachte an all die Leute, die jetzt, am Heiligen Abend, nicht dort sein konnten; die krank in Kliniken lagen oder gesund in Knästen hockten. Oder die ganzen Berufs-tätigen, die auch an Feiertagen arbeiten müssen, Ärzte und Krankenschwestern, Pi-loten und Polizisten, Köche und Servicepersonal, Lokführer und sonstnochwer. Die machen wahrscheinlich das Beste draus, wären aber wahrscheinlich auch lieber zu Hause. Nach der Bescherung gab es leckeres Essen, ich aß fetten Braten, was ich ja eigentlich nicht mehr sollte, aber scheiß drauf, dachte ich, die Weihnachtstage verbring ich wie immer. Danach dann aber. Ich schrieb in Gedanken eine To-Do-Liste, Sport und Ernährung und Rauchstopp und so weiter, wenn's hilft, noch drei Jahrzehnte zu haben, dachte ich, dann mach ich das mal. Da war sie wieder, die Sache mit den guten Vorsätzen für's neue Jahr: Ich fang erst im Januar damit an. Das muss reichen. Abends, als ich eng an meinen Freund gekuschelt im Bett lag, kullerten mir ein paar Tränchen durch's Gesicht. Dann schlief ich ein und träumte von einem riesigen Lebkuchenherz, zuckergussiger Schriftzug: Merry Christmas!
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