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Willi Nr. 166 - Dezember 2008

Rückblick

Finest Blues: „Chameleon“ - Miller Anderson Band
Legendärer Gitarrist überzeugte im HoppeGarden
Wieder einmal ein denkwürdiger Bluesabend, so war die einhellige Meinung der Zuschauer, die am 8. November im HoppeGarden das Konzert der Miller-Anderson-Band miterlebt haben. Und wieder einmal musste man sich fragen, warum „nur“ etwa 90 Bluesfreunde den legendären Gitarristen sehen wollten. Nun, es waren schon mal weniger Leute im HoppeGarden, 90 sind da nicht soo wenig. Wenn man allerdings bedenkt, wer da auf der Bühne der Kulturwerkstatt schwitzte, edle Gitarrenarbeit präsentierte, und mit einer Stimme, die Gänsehaut hervorrufen konnte, die schönsten Blues-Balladen, rockige Up-Tempo-Songs und erstklassige eigene Kompositionen vortrug, dann ist es schon verwunderlich, dass nicht 200 Fans den Weg zur Oberonstrasse gefunden haben.

Miller Anderson kam 1965 von Schottland nach London und spielte mit Freddy Fingers Lee und dem späteren „Mott the Hoople“ - Frontman Ian Hunter zusammen.
1968 wurde Anderson Mitglied der legendären Keef Hartley Band, mit der er fünf Alben als Hauptsongwriter, Gitarrist und Lead-Sänger aufnahm. Die Band trat auch 1969 bei dem legendären Woodstock Festival auf, doch leider verweigerte das damalige Management die Filmaufnahmen.  Miller  war  eben

so Mitglied bei Savoy Brown, Chicken Shack, Mountain, T-Rex und Donovan’s Band.
Er tourte als Gastmusiker mit Deep Purple und ist auf ihrer Live CD/DCD zu sehen, die 1999 in der Royal Albert Hall mitgeschnitten wurde; ebenso arbeitete er mit Jon Lord im Studio und auf der Bühne. Die letzten 15 Jahre war Miller Mitglied der Spencer Davis Group und er hat gerade ein neues Album mit Chris Farlowe aufgenommen.
Und nun war dieser Musiker zum Greifen nah auf der Hoppe-Bühne zu erleben. Natürlich präsentierte er in erster Linie sein neues Album „Chameleon“, das er mit seinen musikalischen Freunden Kris Gray (Bass), Frank Tischer (Keyboard) und Paul Burgess (Drums) kürzlich einspielte. Die Drei begleiteten Anderson auch auf seiner Tour, außer Burgess, der im HoppeGarden von einem Kollegen vertreten wurde.

Der Eröffnungssong „City Blues“ ließ gleich erkennen, dass Miller Anderson ein herausragender Komponist ist, der zwar den Blues bevorzugt, aber weit mehr auf dem Kasten (und in den Fingern) hat, als die manchmal üb-lichen 12-Takt-Va-riationen des Blues. „By the Light“ ein überaus melodiöser Song des neuen Silberlings, bei dem Millers Stimme besonders gefordert wird, und zur Geltung kam, beeindruckte die Zuschauer ebenso wie die alten Songs aus seiner Zeit bei der Keef-Hartley-Band, die seinerzeit mit vollem „Gebläse“ präsentiert wurden, ohne diese Blechinstrumente aber ebenso überzeugen konnten. Allein durch das filigrane Gitarrenspiel Miller Andersons wurde jede Nummer veredelt. Miller ist kein Mann der großen Worte, trotzdem blitzte immer wieder der typisch britische Humor durch, obwohl der Gitarrist ja eigentlich Schotte ist. So geizte er auch nicht mit Zugaben, die das Publikum stürmisch von ihm forderte.

„Good Day For The Blues“
Anne Haigis und Jens Filser
Ein besonderes Konzert im HoppeGarden
Unser Programm ist sehr blueslastig, ist das schlimm?“ fragte Anne Haigis bei Ihrer Ankunft den Veranstalter. Wusste sie denn wirklich nicht, wo sie sich befand? Nun, spätestens als sie sich den HoppeGarden näher angesehen, und die vielen Fotos der Rock- und Bluesgrößen an den Wänden entdeckt hatte, war ihr klar - hier bin ich richtig.

Seit den achtziger Jahren ist Anne Haigis nun schon im Geschäft, sie gehörte nie wirklich zur „Neuen deutschen Welle“, aber der Erfolg kam in dieser Zeit gewaltig über sie. Sie arbeitete mit so unterschiedlichen Musikern wie Wolfgang Dauner, Tony Carey, Edo Zanki, Wolf Maahn, Nils Lofgren, Eric Burdon oder Melissa Etheridge zusammen, veröffentlichte mehr als ein Dutzend Alben und produzierte zwischenzeitlich in Nashville und Los Angeles. Vor einiger Zeit schließlich begann Anne Haigis ihre Arrangements zu verändern und die Instrumentierung zu reduzieren. Herausgekommen ist dabei ein Album mit Songs, die der Kenner aus unterschiedlichsten Quellen schon einmal gehört hat: von südstaatlich-melancholisch über country-like swingend bis geradlinig-rockig. Mit ihrer rauen Kehle und ihrer sensiblen Phrasierung macht Anne Haigis wie immer ihre ganz eigenen Songs daraus. Am 22. November stellte  sie im  HoppeGarden ihren neuesten Silberling vor. Als musikalische Unterstützung hatte sie Jens Filser mitgebracht, ein Gitarrist der absoluten Superklasse, der mit seinen beiden akustischen Gitarren wahre Kabinettstückchen vollbrachte.

Die Bühne war in violettes und orangenes Licht getaucht, Kerzenleuchter und ein an den schwarzen Bühnen-Hintergrund projiziertes flackerndes Kaminfeuer schufen eine sehr gemütliche, warme und intime Atmosphäre. Um 21.40 Uhr setzten Anne Haigis und Jens Filser sich auf ihre Barhocker und starteten mit ein paar Songs aus der Anfangszeit von Haigis´ Karriere. „Dancing in the Fire“, „All I wanna do“ oder „Sweet forgiveness“ sind Titel, die man, wenn man Haigis-Fan ist, von früher her kennt, in kompletter Band-Besetzung allerdings. Mit nur zwei Gitarren und einem überaus gekonnten zweistimmigen Gesang klangen die Nummern frisch und über-aus jung. Mit „Kind der Sterne“, ein Song, der ihr von ihrem guten Freund Wolf Maan auf den Leib geschrieben wurde, und „Nacht aus Glas“ wurden die Liebhaber deutscher Texte bedient, bevor es nun nahtlos in die Bluesabteilung ging. Und spätestens jetzt war allen Zuhörern eindeutig klar, dass Anne Haigis Stimme Vergleiche mit Janis Joplin ohne Weiteres standhalten kann. Das Beispiel Janis wird stets hervorgekramt, wenn es um herausragende weibliche Stimmen geht, auch Amy Winehouse könnte sich in diese Garde einreihen, wenn sie nicht hauptberuflich als flegelhafter Kotzbrocken tätig wäre. Anne Haigis hat dagegen zwei große Vorteile: Sie ist nett und lebt noch. In Zusammenarbeit mit Eric Burdon und Tony Carey entstand „No Man´s Land“ und mit „Kokomo“ stellte Jens Filser sein außergewöhnliches Können an der Slide-Gitarre unter Beweis. Bei ihren Ansagen und bei der sympathischen Kommunikation mit dem Publikum versuchte Anne Haigis hochdeutsch zu sprechen, was ihr als Schwäbin allerdings nur mäßig gelang. Wie sagt die Werbung: „Schwaben können alles, außer Hochdeutsch.“ Anne Haigis und Jens Filser boten an diesem Samstagabend ein „Livingroom-Blues-Konzert“ der Extraklasse, zwar auf der großen Bühne, aber auch in einer höheren Liga.

 

 
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