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Willi Nr. 180 - Februar 2010

Ansichten einer Anachronistin

Liebe UnverblümtihremeinungsagerInnen!
Einmal traf ich eine alte Bekannte. „Hallo Bianca“, begrüßte sie mich, „wie geht es dir?“

„Alles wie immer“, sagte ich und hob schon die Hand zum Abschiedsgruß. Doch die Bekannte hielt mich am Ärmel zurück. „Ist alles in Ordnung“, fragte sie und maß mich einem wissenden, teilnahmsvollen Blick. Hm, dachte ich, sie benimmt sich eigenartig.
„Es geht“, gab ich ausweichend zurück, „also, ganz normal.“ Ich überlegte, ob möglicherweise unser Haus soeben explodiert war und die Bekannte als Erste davon erfahren hatte. „Ich meine“, half sie mir auf die Sprünge, „ist alles in Ordnung mit deinem Baby?“ „Mit meinem was“, fragte ich verwirrt. „Du bist doch schwanger, oder nicht“, vergewisserte sich die Bekannte und hob verwundert eine Braue. „Nein“, sagte ich. „Hm“, sagte die Bekannte, „ich dachte, du wärst schwanger?“„Nein“, wiederholte ich fest. „Dann hast du aber zugenommen, oder“, erkundigte sie sich. Irritiert sah ich an mir herunter. Ich trug einen dicken Wintermantel. „Eigentlich nicht“, erwiderte ich, „das sieht vielleicht nur so aus“, spekulierte ich, „wegen der warmen Sachen.“ Die Bekannte schien das für eine einfältige Ausrede zu halten und lächelte überlegen. „Na ja“, sagte sie, „ist ja nicht so schlimm. Dann machs mal gut!“ Ich überlegte, ob ich möglicherweise zu den zwei Prozent aller Frauen gehörte, die ihre Schwangerschaft nicht bemerken und infolgedessen von einer plötzlichen Niederkunft im Bus oder auf einem öffentlichen Klo überrascht werden. Doch als ich meinen Weg fortsetzte und verstohlen den einen oder anderen Blick in die vorüberziehenden Schaufenster warf, konnte ich keinerlei Veränderung an mir feststellen und verwarf diese Hypothese wieder.

Ommawörterbuch Teil 85
Polter - unförmiges Gewand, nachthemd- oder kittelartig

Am Abend war ich zu einem geselligen Beisammensein eingeladen. „Oh Gott“, rief eine andere Bekannte und schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund, „du bist aber dünn geworden!“ „Ähm“, sagte ich und hängte meine Jacke über die Lehne meines Stuhls, „eigentlich nicht.“ „Doch, doch“, beharrte die andere Bekannte, „das ist jetzt aber schon sehr dünn, ist das denn noch schön? Bei den Models hört das ja inzwischen auch schon auf, dieses extrem Dünne.“ Zum ersten Mal in meinem Leben begann ich mich mit Britney Spears zu identifizieren, die sich einst in einem Lied darüber beschwert hatte, dass die Leute sie grundsätzlich zu dick oder zu dünn, aber nie genau richtig fanden. Man sollte vielleicht, dachte ich, nicht alles sagen, was einem gerade in den Sinn kommt.

Leider traf ich nur eine Woche später auf die nächste Person mit starkem Mitteilungsbedürfnis.
„Hui“, staunte eine dritte  Bekannte, der ich längere Zeit nicht begegnet war, bei einer gemeinsamen Freizeitgestaltung, „hast du etwa noch weniger Haare als sonst?“ „Bitte“, fragte ich. „Deine Haare“, sagte sie und deutete auf meinen Kopf, „waren das nicht mal mehr?“
„Nicht, dass ich wüsste“, entgegnete ich. „Sind dir vielleicht welche ausgefallen“, ließ die dritte Bekannte nicht locker und machte ein freundliches Gesicht. Es war bizarr.

Liebe Bekannten Nummer eins, zwei und drei, mit solchem Gebaren macht man sich keine Freunde! Seltsamerweise sind es meistens Frauen, die einen auf Makel und Mängel hinweisen. Bis auf einmal. Einmal, es war noch während meiner Schulzeit, stellte sich der Freund einer Freundin vor mir auf uns musterte mich prüfend. „Tatsächlich“, sagte er, „deine Nase ist wirklich so schief, wie alle sagen!“ Das war aber eine Ausnahme.

Kahl, schief und schwanger:
Ihre Bianca

 

 
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