![]() |
|
![]() Willi Nr. 181 - März 2010 |
Ansichten einer AnachronistinLiebe GeschenkemacherInnen! Das letztjährige Weihnachten verbrachte ich nämlich bei der Post. Anundfürsich wäre das nicht schlimm gewesen, denn man bekommt mit ein bisschen Glück und sympathischer Ausstrahlung jede Menge Geschenke von den Leuten angeboten. Leider aber nicht von jedem. Manche Menschen fangen gern Gespräche an, statt etwas zu verschenken, haben Fragen oder Wünsche oder teilen einem ihre Meinung zu den herrschenden Wetterverhältnissen mit. Sie sagen zum Beispiel: Heute ist es aber glatt! Sind sie schon hingefallen? Meistens ist man noch nicht hingefallen, denn wäre man hingefallen, hätte das böse ausgehen und einen Krankenhausaufenthalt nach sich ziehen können, der die weitere Zustellung vereitelt hätte. Das sage ich aber nie. Ich sage auch nicht: Nein, alles wunderbar, wo ist mein Geschenk? Ich denke es jedoch im Stillen in mich hinein, vor allem, da ich vergangenen Heiligabend sehr verwöhnt worden bin, was die Geschenke anging. Ich heimste insgesamt fünfunddreißig Euro Trinkgeld, eine Packung Dominosteine, eine Tafel Weihnachtsschokolade, ein exklusives Päckchen mit einer Spezialität aus weißem Nougat und keinerlei Schnäpse ein. Doch ganz ohne Alkohol musste ich meinen Arbeitstag trotzdem nicht überstehen, wie später zu lesen ist. Jedenfalls war es bitterkalt, es hatte bereits die ganze Woche über geschneit und ich trug geliehene Schneestiefel, die mir eine Nummer zu klein waren. Außerdem hatte jemand die schöne Idee gehabt, zahlreiche Werbebriefe für ein Katzenfutter namens Miamor zu versenden, sodass alles doppelt so lange dauerte wie normalerweise, denn viele Menschen, die an Heiligabend keine Post erhalten hätten, erhielten einen Miamorbrief. Vielleicht hatte es der Miamorchef nur gut gemeint. „Passen Sie bloß auf“, ermahnte mich eine ältere Dame, als ich mich eine besonders rutschige, zu einem in großer Höhe gelegenen Briefkasten emporführende Treppe hinaufhangelte, „besonders da vorne, da ist gar nicht gestreut! Wissen Sie, was dem letzten passiert ist?“ „Nein“, sagte ich, und versenkte den Miamorbrief in seinem Behälter wie ein Profibasketballer den Ball im Korb. „Der hat sich beide Beine gebrochen“, gab mir die Dame gern Auskunft, „mehrfach!“ Als nächstes traf ich eine Frau, die schon auf mich gewartet hatte. Allerdings nicht auf mich persönlich, wie sich herausstellte. „Sie sind zwar eine andere“, sagte die Frau, die pfeilschnell die Tür aufgerissen hatte, als sie mich nahen hörte, „aber ich möchte Ihnen trotzdem das hier überreichen.“ In der Hand hielt sie eine Packung Monchéris. Ich fand, dass sie sich angesichts der vorab von mir eingenommen fünfunddreißig Euro Trinkgeld ein bisschen viel auf ihre Monchéris einbildete, verschmähte sie jedoch nicht. Als ich außer Sichtweite war, beschloss ich, mich zu stärken. Ich wählte die Monchéris, denn von ihnen versprach ich mir eine Besserung meines Befindens. Tatsächlich begann schon nach wenigen Portionen meine Zunge zu kribbeln und ich fühlte mich angenehm erwärmt. Als ich die Packung geext hatte, wurde mir lustig zumute, sodass ich vergnügt vor mich hinschlingerte. Ich glaube, ich habe sogar gekichert. Hat jemand an Heiligabend möglicherweise auf der Münsterstraße eine kichernde Postbotin beobachtet, die Schlangenlinien fuhr? Das war ich. Ich möchte mich im Nachhinein noch einmal ganz herzlich bei der Frau mit den Monchéris dafür entschuldigen, dass ich ihre Gabe innerlich zuerst nicht gebührend wertgeschätzt habe. Vielleicht komme ich ja dieses Jahr wieder vorbei. Ich erwarte kein Geld, halten Sie einfach wieder die Schnäpse mit der Piemontkirsche bereit. Und diesmal werde mich freuen, versprochen! Glücklich,
|