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Willi Nr. 184 - Juni 2010

Bikermärchen

Romanzen einer VN 500
Der Tag, an dem ich mit einem Anhänger, mehr schlecht als recht, zum Händler gekarrt wurde war diesig und unfreundlich und als man die Plane, die über mir lag lüftete, verbesserten sich die optischen Verhältnisse nur minimal. Dunkel und düster, gepaart mit einer ordentlichen Portion Nasskälte präsentierte sich mein neues Zuhause. Tage später machte man sich augenblicklich daran mich zu polieren und halbherzig zu überholen Die hellen Neonröhren in der sterilen Werkstatt brannten mir in den Augen, denn ich war die letzten drei Jahre in einer alten Garage ohne Strom zuhause. Einer der Stifte berührte mich beim Waschen an Rahmenteilen, die mir selbst noch nicht bekannt waren. Man vergaß zwar meine Zahnradabdeckung zu wienern, doch ich will nicht kleinlich sein und nachdem man mir die letzten Falten aus dem Lack gekloppt hatte war ich verkaufsfein.

Ich ließ mein Leben kurz Revue passieren und musste feststellen, dass ich bisher nur unter alten Säcken diente. Mir war plötzlich nach Abenteuern und wagemutigen Aktionen zumute. Zu lange wurde ich untertourig geknechtet. Meine Reifen waren so gerade abgelaufen; als wäre jemand mit viel Zeit und einem Bandschleifer, geradezu versessen gewesen ins Buch der Rekorde zu kommen. Dummdreiste Schräglagen waren mir fremd, selbst Wheelies kannte ich nur vom Hörensagen. Gelegentlich wurde ich aus dem dunklen Verschlag gezerrt und einige Meilen durch das furztrockene Umland gefahren.

Man behandelte mich, als wäre ich Bluter. So rannen mir Wochen, Monate, Jahre durch die blanken Kautschukfinger. Wochenlang stand ich vor dem Laden des Händlers - bei Wind und Wetter - während drinnen die echt teuren Brüder standen. Ich verstand mich in der erlesenen Gesellschaft als Wühltischware. Und sie ließen es mich täglich spüren. Witze über meine Rostakne waren an der Tagesordnung. Neumotorräder können gehässig sein. Ich nahm es mit Fassung...       

Einige Unwissende fingerten an mir herum und berührten mich teilweise unsittlich. Manchmal kam es mir vor als könnte ich mich von oben sehen. Jeder Fingerabdruck spiegelte im Gegenlicht wie eine deftige Delle. Vom langen Stehen waren auch schon einige Löcher im Lenker rostig angelaufen. Ich sah also auf dem Kopf aus wie eine verschwitzte Marktfrau unterm Arm.

Als die Tage noch kürzer wurden; stand plötzlich ein grimmiger Typ mit Bart und langen Haaren vor mir und sagte wie zu einer anderen Person: „Da ist ja noch Fleisch dran!!!" Er sprang behände um mich rum und murmelte wirres Zeug.
Er redete mit sich selbst in der siebten Person und griff mir ewig an die Leisten. Das alles beunruhigte mich sehr und ich versuchte alt und verbraucht auszusehen. Ich hatte daher kein gutes Gefühl, als der Typ den Laden betrat und mit einem roten Nummernschild herauskam. Er nestelte kurz an meinem Bürzel und schon sprang der Motor an. Ich war bereit für eine Probefahrt.

Der erste Kilometer war an sich ganz in Ordnung. Doch 5-6 Kilometer weiter wusste ich, dass der Typ auf mir nicht vorhatte eine Kawa im Sack zu kaufen. Er trieb mich zur totalen Selbstaufgabe. Doch irgendwann ist jede Probefahrt mal zu Ende. Der Typ stellte mich wieder beim Händler ab, kam aber keine halbe Stunde später zurück, schüttelte ein paar Hände und verließ den Laden grinsend.

Ich dachte das war’s, aber plötzlich kam er von hinten auf mich zu, knallte mir ein Blech auf den Arsch und startete den Motor.
Wir fuhren stundenlang durch die Gegend. Gelegentlich machten wir zum Pinkeln, Tanken, Trinken oder Tanzen eine kurze Rast. Der Tag wurde dunkler und wir gähnten schließlich vor uns hin.

In der ersten Nacht stand ich neben einer langbeinigen KLX 250. Als der eisige Morgen anbrach, teilten wir ein schmutziges Geheimnis. 
Fortsetzung folgt
(Lindy)

 
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