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Willi Nr. 203 - Januar 2012

Ansichten einer Anachronistin

Liebe PflanzenfreundInnen!
Die Zimmerpflanze ist ein einfaches und doch so kostbares Gut. Sie wirkt erhebend auf Körper (Sauerstoff), Geist (auch Sauerstoff) und Seele (Farbenpracht). Doch wir alle wissen, wie lästig es ist, mit einer Lebensform zusammen zu wohnen, die weder einkaufen gehen noch spülen, weder Festtagsdiners zubereiten noch durch Lautgeben Einbrecher verscheuchen kann. Die Zimmerpflanze lässt sich, ähnlich wie die Schlange oder die Spinne, zudem nicht gern streicheln. Sie reagiert überhaupt wenig auf den Menschen, sie dreht und wendet sich egoistisch nach der Sonne, ein eindeutig opportunistischer Zug und somit eine latente Charakterschwäche, und sie hat kein Gesicht. Das ist möglicherweise das Verstörendste: Die Gesichtslosigkeit der Zimmerpflanze. Dennoch wollen wir nicht auf ihre Gesellschaft verzichten. Unnachahmlich dekorativ ragt sie erhaben aus ihrem Kübel, poetisch und lässig zugleich räkelt sie sich, sofern sie einer Rankenart angehört, auf dem Bücherregal, listig lugt sie urplötzlich hinter dem Schrank hervor, wenn man sie nur ein paar Jahre lang nicht stutzt. Stundenlang ließe sich die Exklusivität der Zimmerpflanze besingen, und nicht nur ihre Exklusivität, auch ihre Exotik, ihre Eleganz, ihre Bedürfnisse. Besonders ihre Bedürfnisse. Denn die Zimmerpflanze ist kapriziös! Sie ist anspruchsvoll wie eine Primadonna, empfindlich wie eine Ballerina. Gießt man sie zu wenig, segnet sie alsbald das Zeitliche, gießt man sie zu viel, spielt sie beleidigt und beginnt vor Wut zu faulen und zu riechen. Grauenerregende Gase zirkulieren fortan durch die Atmosphäre, das Essen schmeckt nicht mehr, dem Hund wird schlecht, die Gäste gehen früh nach Hause. Und bis die Ursache gefunden ist, vergehen nicht selten Monate! Soziale Kontakte brechen ab, familiäre Bindungen kommen zum Erliegen. Doch es gibt einen Ausweg.

Ommawörterbuch Teil 91
stabil - korpulent

Die Lösung erreichte uns per Fax. Der Absender (pflanzen300.com) war uns unbekannt, doch wir verliebten uns auf Anhieb in ihn, bildlich gesprochen. „Dekotannen - Kunsttannen“ lautete die schöne Überschrift, die uns gleich ansprach. Sie strahlte eine Heimeligkeit, ja, eine Sympathie aus, mit der die echte Zimmerpflanze nicht mithalten konnte. Sofort wurde uns ganz weihnachtlich zumute, obschon Weihnachten längst hinter uns lag. Wie von einer unsichtbaren Macht gesteuert, scharten wir uns um den Computer und verbanden uns mit dem Internet. Es dauerte nicht lang, da strahlte uns in den wärmsten und schonungslosesten Tönen die Webpräsenz von pflanzen300.com an. „Ambiente-Plants“, lasen wir, erstaunt über den interessanten Sprachmix, der die ausgefallensten Assoziationen weckte. Mir persönlich schwebte sofort ein Palmenambiente vor, und das war nicht verwunderlich! Denn bereits auf der Startseite führte eine kleine, aber stimmungsvolle Fotografie zur Riesenpalme, ganz zweifelsohne das Flagschiff des Shops. Die Riesenpalme maß ganze vier Meter achtzig und bestand komplett aus Textil! Zur Verdeutlichung ihrer kaiserlichen Dimensionen hatte ein pflanzen300.com-Mitarbeiter liebevoll ein dezentes Arrangement aus Stühlen und einem gläsernen Tisch neben das imposante Ungetüm dekoriert. Nichts hätte natürlicher wirken können, nichts hätte das brachiale Südseeflair besser in Szene gesetzt. Täuschend echt reckte der gutmütige Riese seine Wedel in das klein und mickrig wirkende Kämmerlein und strotzte nur so vor Weite und Abenteuer. Doch nun wollte ich auch die anderen Produkte in Augenschein nehmen – endlich keine fremdartigen Geschöpfe mehr in den eigenen vier Wänden, nur noch die reine Zier! Schnell konnte ich mich auch für die Bananenstauden erwärmen. Diese kamen jedoch „ohne Früchte“, wie es in der Beschreibung hieß. Schade, aber die kann man ja aus Plastik in jedem Ein-Euro-Shop dazukaufen. Fucking happy,
Ihre Bianca

 

 
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