Gesundheit

Hypochondrie und Handschweiß

Von André Schörnig

“Oh mein Gott, wie fürchterlich!”, schallt es aus meinem Munde heraus, nachdem ich die Geschichte meines Gegenübers zu Ende gehört hatte. “Mein Gott, mein Gott...”, immer wieder, ich glaube ich hielt mir die Hände vors Gesicht. Ich mußte mir die komplette Lebensgeschichte eines Hypochonders anhören und war vollkommen schockiert. Müßte ich diese Krankheit erleiden, würde ich sicherlich nach kürzester Zeit sterben.

Als ich ihn das erste Mal hier auf dem Klinikgelände sah, stand er, vor Angst schlotternd, auf einer Bank und rief mir immer wieder zu, entfernt zu bleiben, da eine fette Dysenterienbakterie vor ihm säße und es auf ihm abgesehen hätte. Langsam, und obwohl mir das Geldinstitut etwas hoch erschien, kletterte ich dennoch in seine Richtung, weiß ich doch, daß es die einzigen sichtbaren Bakterien in der Pizzeria bei mir um die Ecke gibt. Sachlich versuchte ich ihn zu beruhigen, doch das fruchtete nicht besonders, und ich versuchte ihn mit einem anderen Thema abzulenken. Als ich auf das schlechte Wetter zu sprechen kam, schien ich das Eis gebrochen zu haben, und er begann gleich damit, mir sein Leben zu erzählen.

Leicht hatte es dieser Mann nie gehabt, bei Gott nicht. Das erste Wort, was er in seinem Leben zu sprechen in der Lage war, war “Aua”, dem nach kürzester Zeit die Begriffe “Ach”, “Weh” und “Mama” folgten, wobei es ihm bis heute nicht möglich sei, das Wort “Papa” korrekt auszusprechen. Als Kleinkind liebte er seine Mutter, was er, nachdem er die ersten Sätze verständlich aussprechen konnte, auf einen stark ödipalen Komplex zurückführte, der in seiner fehlenden Latenzperiode zu finden sein mußte. Ich war sehr geschockt über seine Worte, aber es kam noch besser.

Seine schulische Laufbahn fand schon bald ein jähes Ende, und zwar als er im Mathematikunterricht keine Lösung für die Aufgabe 3:0 finden konnte, und er sich deshalb vor versammelter Klasse als extrem lernbehindert einstufte. Beleidigt ging er nach Hause und verbrachte die nächsten zwölf Jahre im Bett, indem er fortwährend behauptete, unter Schlafsucht zu leiden und geborener Kastrat zu sein. Ein Krankheitsbild, von dem ihn erst ein phantasievolles Mädchen nach besagter Zeit heilen konnte. Sie verliebte sich in ihn, da sie auch gerne lange schlief, doch unser Freund konnte ihre Gefühle nicht erwidern, und sie duschte solange bis sie jämmerlich ertrank. Auch er war überzeugt, von Todessehnsucht beseelt zu sein, was ihn dazu veranlaßte, jeden seiner Schritte als Selbstmordversuch zu werten, außer den einzig triftigen: die Mittagessen bei seiner Großmutter. Jahrelang lebte er in dem ständigen Glauben, Avocados seien giftig für ihn, bis er eines Tages wegen heftiger Regelschmerzen einen Arzt aufsuchte, der ihn aufs übelste verprügelte, worauf er hier ins Krankenhaus kam. Er vertraute mir unter dem Mantel der Verschwiegenheit an, daß er sich in seinem Leben noch nie so wohl gefühlt hätte wie hier, ich freute mich für ihn.

Gestern ist er an einer verschleppten eingebildeten Schwangerschaft verstorben.

Ich vermisse ihn.