Meine neue Noll habe ich gelesen, ebenso die neue Cornwell, und die neue Elizabeth George liegt noch unangetastet neben dem Bett - um die Vorfreude zu steigern. Dennoch: Mir ist die Novitätensucht und die Bestselleritis oftmals ein Greuel; dann gönne ich mir den Luxus , Bücher durch Wiederlesen neu zu entdecken. Im beginnenden Droste-Jahr (Annette von Droste-Hülshoff 1797-1997) kann ich dies nur weiterempfehlen für Irina Korschunow: Das Spiegelbild (Hoffmann & Campe 1992).
Amelie Treybe, 42jähr. erfolgreiche Journalistin, betrachtet an einem Herbsttag des Jahres 1992 die beiden Porträts der Droste in ihrem Sterbezimmer auf der Meersburg: die junge hoffnungsvolle und die alte gebrochene Annette - Auftakt für einen Dialog der beiden Frauen quer durch die beiden Jahrhunderte. Wie in einem Spiegelbild erscheint der modernen, freien Amelie die Lebensgeschichte und - tragödie des westfälischen Edelfräulein, das sich zur Dichterin berufen fühlte, aber nicht so schreiben mochte, wie von ihr erwartet wurde, deren Liebessehnsucht und verborgenen Leidenschaften von den Konventionen ihres Stan-des erstickt wurden - die wilde Muse im zu eng geschürten Korsett (Verlags-text). Manche Parallele, auch Konventionen anderer Art in Amelies Geschichte mit der sich vornehm gebenden Aßmann-Sippschaft (deren feine Villa jüdische Vorbesitzer hatte), mit der patenten, aber armen Großmutter Rosa Prillich, der Mutter Helga, die den Weg nach oben suchte und mit Tabletten endete und den Worten Ich bin so allein, Amelies Balanceakt schließlich zwischen Karriere und Liebesbeziehung. Ein Liebesroman, wie der Verlag sagt - eine faszinierende Möglichkeit, wie ich finde, sich einem literarischen Denkmal anzunähern.
(Lesung mit Irina Korschunow am 13.1. um 19.30 Uhr in der Stadtbücherei)
Noch ein Denkmal, ein künstlerisches der letzten Jahrhundertwende diesmal, wird lebendig in
Paula Modersohn-Becker: eine Biographie in Briefen von Martina Bohlmann-Modersohn (A. Knaus 1995);
(etwaige verwandtschaftliche Beziehungen der Autorin sind mir verschlossen geblieben). Das Buch baut auf einer umfassenderen Ausgabe der Briefe und Tagebücher auf (G. Busch, L. Reinken 1979), verwendet zusätzlich bisher unveröffentlichtes Material aus dem Archiv des Otto-Modersohn - Museums, Zeugnisse von Zeitgenossen und fügt dies zu einem eigenständigen Bild der jungen Künstlerin zusammen. Das Buch bringt keine völlig neuen Erkenntnisse über Paula Modersohn-Becker, ihr ungestümes Malerinnenleben, ihren Drang, künstlerisch voranzukommen, ihre Freundschaft zu Clara Rilke-Westhoff, ihre Ehe mit Otto, die ihren künstlerischen Höhenflügen mehr als einmal im Weg stand, ihre Stellung innerhalb des Worpsweder Kreises.
Aber wer es bisher versäumt hat, sich mit dieser außergewöhnlichen Frau und bahnbrechenden Künstlerin auseinanderzusetzen, hat mit diesem Buch eine gute Gelegenheit dazu.