Anfang Oktober 1996 ein Aufruf in der städtischen Tageszeitung: Ein Thriller wird gedreht, Komparsen werden gesucht - und das in Hamm!
Wer diese Meldung nicht für einen Witz hielt und pünktlich zum Casting kommt (so wie ich), muß zunächst feststellen, daß dies viele Zeitgenossen ebenso aufgefaßt haben. Ich treffe allerhand Bekannte und komme mit ihnen ins Gespräch über warum, wieso, weshalb. Viele sind nur einfach neugierig, einige wenige wollen Erfahrungen sammeln, was denn nun wirklich abgeht vor oder hinter der Kamera. Doch was mich erschüttert hat, ist der Hang zur Illusion, den immerhin mehr als die Hälfte der Bewerber haben. Sie alle hoffen auf eine Chance beim Film oder Fernsehen. Nun ich denke, das erste Casting wird einige ernüchtert haben.
Freundlich aber bestimmt wird klargestellt, daß es nur um eine Marktszene in Ahlen geht. Die vielen jungen Damen und Herren müssen sich enttäuscht zurückziehen, da hierfür vorwiegend ältere Darsteller gesucht werden. Wir Älteren werden alle genommen und haben am 24.10.96 gegen 9.30 Uhr in Ahlen auf dem Marktplatz zu sein.
Frau Schroth, die für die Komparsen zuständig ist, erklärt uns was ablaufen soll. Zunächst werden wir alle von der Maskenbildnerin geschminkt. In der Zwischenzeit erfahren wir, daß es für jede angefangene Stunde 10,- DM gibt, dafür müssen wir einen Vordruck ausfüllen, mit Namen, Adresse und so. Außerdem, da sich die Dreharbeiten bis 17.00 Uhr hinziehen sollten, gibt's noch 10,- DM fürs Mittagessen. Nun, wir sind alle geschminkt, nirgendwo glänzt mehr ein Fettauge, und warten. Warten ist eine Tugend, die man als Komparse auf jeden Fall mitbringen sollte.
So gegen 10.30 Uhr geht's dann endlich los. Alle zum Marktplatz. Dort sind grelle Scheinwerfer, eine Riesenkamera auf Schienen und Marktstände aufgebaut. Wir werden in kleine Gruppen aufgeteilt, und es wird bestimmt, wer mit wem von A nach B oder von C nach D geht und mit welchen Bewegungen oder Tätigkeiten, wie z.B. Gemüsen einkaufen, beauftragt wird. Bewegungen und Abläufe werden erst einmal trocken geübt, und der Regieassistent erklärt uns unsere Kommandos. Achtung Probe, Klappe 1 die erste, Ton läuft, Probe bitte und erst bei Probe bitte dürfen wir los. Mindestens 12 mal gehen Petra und ich los, um Gemüse einzukaufen, das alles möglichst leise sprechend, da der Film in Französisch aufgenommen wird. Das Gemüse welkt langsam vor sich hin.
Inzwischen sind auch die Hauptdarsteller eingetroffen, und es wird eine andere Szene gedreht. Aber auch hier fungieren wir als Bildfüller, denn mehr ist es nicht Komparse zu sein, da gibt es keine Illusionen. Und wieder warten, denn auch die Stars brauchen ihre Zeit, um die Szene in den Kasten zu kriegen. Und noch eine Szene wird gedreht, bei der Petra und ich die Straße im Hintergrund überqueren. Diese mindestens auch zehn Mal. Es ist 13.30 Uhr - eine Mittagspause von einer halben Stunde wird anberaumt. Wir Komparsen dürfen aber den Drehort nicht einfach so verlassen, wir haben uns abzumelden, Toilette und so.
Pah, die Pause tut gut, wir können kaum noch stehen, alles ist anstrengender, als man es gemeinhin annimmt. Wir können kaum unsere Pizza aufessen und müssen schon wieder los. Diesmal lassen sich die Schauspieler und das Kamera-Regieteam etwas Zeit, so daß wir noch etwas verschnaufen können.
14.15 Uhr, es geht weiter, wir dürfen zunächst warten, aber auch absolute Ruhe bewahren, was den meisten Zeitgenossen etwas schwerfällt. Aufregungen gibt es immer wieder, vor allem, wenn uneinsichtige ältere Bürger/innen die Absperrungen einfach nicht beachten und mitten vor die Kamera laufen, denn hier ist doch Markt. iff
Ob unsere Babsy doch noch eine Hauptrolle im einem Film ergattern konnte, erfahrt Ihr in der nächsten WILLI.