Liebe Frau Soja-Rente,
ich lese regelmäßig Ihre Rubrik in Ihrer Zeitung, daher habe ich Vertrauen zu Ihnen und den Mut gefunden, Ihnen meine Sorgen mitzuteilen. Vielleicht können Sie mir helfen. Ich bin verheiratet mit einem sehr liebevollen Mann, und zwar seit 30 Jahren. Mein Gatte heißt Dietrich und ist Möbelverkäufer bei Ter Veen. Das ist an sich noch nichts Schlimmes, aber mein Dietrich hat ein Hobby, er malt und modelliert. Nun, werden Sie sagen, was ist denn daran so furchtbar? Natürlich nichts, 29 Jahre malte und modellierte er in seiner Keller-Werkstatt so vor sich hin, ich hatte oben in der Wohnung meine Ruhe und er war beschäftigt. Hin und wieder konnten wir seine Werke an unliebsame Verwandte zu Weihnachten ver-schenken, aber niemand wurde ernsthaft geschädigt. Bis vor einem Jahr. Ich habe meinen Ditti gebeten, im Keller Platz für die Überwinterung meiner Schildkröte zu schaffen, also ist er mit einer repräsentativen Auswahl sei-ner Exponate zu einem Trödelmarkt gefahren, um sie zu verkaufen. Verkauft hat er nichts, aber trotzdem kam er überglücklich mit all seinem Schrott zurück und war wie verwandelt. Ottokar Jung, ein anerkannter Hammer Künstler, sei über den Trödelmarkt geschlendert, wahrscheinlich, um sich Anregungen für seine nächsten 2000 Bildchen zu holen. Und der ist vor den Werken meines Gemahls stehengeblieben und hat angeblich gesagt: ,,Hübsch". Seitdem hält mein Mann sich für einen Künstler. Er läuft jetzt nur noch mit Pluderhosen rum, er trägt ein Rüschenhemd, eine runde Sonnenbrille und auf dem Kopf einen Kaffeewärmer, ähnlich dem des Ernst Fuchs. Bei Ter Veen haben sie ihm dieses Outfit schon ausgeredet, mir ist es bisher nicht gelungen. Und Sie müßten seine ,,Kunstwerke" erst mal sehen. Früher hat er Bilder gemalt, die man als Bilder erkennen konnte. Er hat einfach die mit Nummern markierten Flächen mit den vorgegebenen Farben ausgemalt, und fertig war der röhrende Hirsch, oder die Zigeunerin. Und heute? Er hat kürzlich eine riesige Leinwand schwarz bemalt und sie dann mit Vanillepudding, der mit Kunstharz gekreuzt wurde, beschmiert. Dann hat er unser Sofa auseinandergenommen und die Spiralfedern in die Mitte dieses Machwerkes gestoßen. Dabei ist diese Idee sogar geklaut, in unserem Museum hängt auch so ein Ding. Vorige Woche mußte ich ihm Modell sitzen, für eine Büste. Ich habe ihm den Gefallen getan. Stundenlang stillsitzen ist kein Vergnügen, und als ich dann das Ergebnis gesehen habe, hätte ich ihm beinahe den Hals umgedreht: Ein brauner, unförmiger Klumpen, mit einem Auge am Kinn, die Ohren saßen beide auf einer Seite und die Nase am Hinterkopf. Der Mund nahm die Hälfte des Gesichtes ein und ein Hals war nicht vorhanden. ,,Ich sehe Dich nun mal so." meinte Dietrich, ,,das nennt man künstlerische Freiheit, Schatz." Wenn er mich so sieht, warum hat er mich dann geheiratet? Übrigens fängt er jetzt auch noch an zu dichten. ,,Ene mene muh, und weg bist du." Was sagen Sie denn dazu, liebe Frau Soja-Rente? Oder: "Der Mond und die Sterne, der Wind und die Wolken, die Sonne, das Meer, das ist alles für Dich. Doch wenn wir einmal im Lotto gewinnen, das Geld, das ist dann allein für mich." Sagen Sie mal, hat der noch alle Tassen im Schrank? Und jetzt will er in unserer Etagenwohnung auch noch eine Ausstellung veranstalten, mit einer Performance und mit einer Lesung! Bitte raten Sie mir, was soll ich tun?
Anna Maria Kodse, Hamm
Liebe Frau Kodse, (wie heißen Sie? Sprechen Sie das mal mit einem kurzen "o" aus)
Ein bekannter deutscher Humorist hat einmal gesagt, "Eine Frau muß etwas Eigenes haben, etwas, das sie ausfüllt und befriedigt"(*) Das gilt natürlich für eine Mann gleichermaßen. Und wenn ein Mann das, was er tut, ernst nimmt, was ist daran so falsch. Ein anderer berühmter Zeitgenosse hat einst gesagt: "Ein Mann muß tun, was ein Mann tun muß". Das ist ein markiger Spruch, aber es ist was Wahres dran. Sehen Sie, auch der große Künstler Ottokar Jung hat einmal klein angefangen. Der hat auch numerierte Flächen ausgemalt. Schauen Sie sich mal seine Bilder an, er tut es oft heute noch. Und die Leute haben ihn früher auch ausgelacht, und einige tun es noch heute. Das stört den überhaupt nicht, und das darf es auch nicht. Künstler haben es immer schwer gehabt am Anfang. Also unterstützen Sie Ihren Dietrich, so gut es geht. Auch Picasso hatte eine Schaffensperiode, in der man nur mit äußerster Phantasie Dinge erkennen konnte. Und Picasso wurde Millionär. Und auch bei der Ausstellung sollten Sie Ihrem Gemahl zu Hand gehen, indem Sie Häppchen herrichten, Sekt einschenken und den Gästen zuwillen sind. Und seien in der Wahl Ihrer Kleidung nicht zu phantasielos, haben Sie Mut zum Ungewöhnlichen. Ihr Dietrich wird es Ihnen danken. Ich wünsche ihm alles Gute und verbleibe mit einem fröhlichen "Hurz" -Ihre Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether
(*) Ich hätte so etwas Eigenes
- d. Herausg.)