Die Hand am Ohr

Friso Wetterdann

Von André Schörnig

Ja, ich kannte ihn ziemlich gut und wußte genau um seine Vorlieben, wenn ich auch seine Abneigung zu Schmalzkringeln nie ganz verstanden habe. Friso bleibt immer etwas besonderes und ich maße mir an sagen zu können mehr über ihn zu wissen als jeder andere. Er kam einmal zu mir und sagte:" Glaubst du, du schaffst es eine viertel Stunde einfach nur so dazustehen? Ich glaube, ich würde nervös werden." Er war tatsächlich schrecklich nervös, er fühlte sich nur wohl wenn er an irgend etwas rumfummeln konnte was ihn in Flughäfen oftmals peinliche Situationen bescherte.

1954 trafen wir beide zum ersten Mal mit Albert Einstein zusammen der gerade versuchte einer dahergelaufenen Gruppe Oxfordstudenten zu erklären warum Gott nicht würfeln würde und wenn er es doch täte, warum Buchstaben auf dem Würfel wären.

Friso war begeisterter Mathematiker, zumindest wenn es darum ging einer Kellnerin einen Fehler in der Rechnung nachzuweisen, und so nutzte er die Gunst der Stunde um mit Einstein über seine Theorie zu diskutieren. Friso rechnete Einstein vor, das die Formel e = m c² prinzipiell richtig sei, jedoch nicht von Nutzen wäre wenn man Eier pochieren wolle. Einstein ereiferte sich aufs Heftigste und verlangte Genugtuung worauf eine gewaltige Diskussion entbrach weil Einstein einfiel, daß er keine Waffe bedienen konnte, und beide einigten sich nach drei Minuten darauf die Mathematik als willkommenes Mittel um von 1 nach 10 zu kommen anzusehen.

Friso hatte eigenartige Eigenschaften, wobei die, nach dem Duschen zwanzig Minuten bei zur Seite geneigtem Kopf auf einem Bein zu hüpfen noch eine der harmlosesten war obwohl ich ihn dafür dreimal von der Polizei abholen mußte.

Nach seiner Scheidung 1960 bat er mich ihm dabei zu helfen einen Ödipuskomplex aufzubauen um einen Grund zu haben wieder bei seiner Mutter einzuziehen. Ich gab mein möglichstes, konnte die Altenheimleitung jedoch in keinster Weise erweichen Friso ein Bett im Zimmer seiner Mutter zu beziehen. Er war so erbost darüber, daß er sich weigerte auch nur eine Linguine mehr zu essen. Ein Jahr später, kurz nach seinem 56 Geburtstag beruhigte er sich wieder ein wenig, sah mich an und sagte:" War vielleicht doch ganz gut, jetzt hätte ich die Wohnung bestimmt nicht mehr zum alten Preis bekommen." Er lächelte in seiner typischen Art, ließ drei Schaufeln Sand ins Loch fallen und ging mit mir zum Chinesen.

Die darauf folgenden Jahre waren kein Geschenk für ihn obgleich seine Ausarbeitung "Neun Nadel Drucker als Alternative zur Nähmaschine" regen Zuspruch fand und er außerdem die junge Baronesse Juliette di Sarronna heiratete, die er, wie ihre Sparbücher, vergötterte.

Er schien trotz all diesen Glückes den Lebensmut verloren zu haben, er lächelte nur noch gelegentlich, und nur bei Anlässen wie Beerdigungen oder Katastrophen. Er selbst führte seine Depression auf seine Unfähigkeit zurück mit Stäbchen zu essen, jedoch war ich mir ziemlich sicher sein wahres Problem zu kennen. Es brachte ihn zum Erröten wenn er das Wort Ingwer benutzen mußte und ich denke er war schlicht deprimiert darüber allen Situationen aus dem Wege gehen zu müssen, die die Aussprache dieses Wortes erforderten, denn eines Tages, Jahre später, änderte sich sein Verhalten schlagartig und er sprang aus dem Sessel in dem er seit Beginn seiner Niedergeschlagenheit gesessen hatte und jubelte, wohl in dem Glauben allein zu sein: "Wenn ich nicht will, muß ich ja auch nicht."

Seine letzten Worte, denn als er landete war er bereits kalt und steif, sein Herz war dieser plötzlichen Erleuchtung einfach nicht mehr gewachsen und jetzt sitze ich hier und denke darüber nach in welchen Situationen man Ingwer sagen muß.