Literatur

DAMENWAHL

von Marget Holota

Heute werden alle die eines besseren belehrt, die glauben, in dieser Rubruk würden nur Krimis besprochen: ab und zu liest die Rezensentin auch „höhere Literatur"! Und Jeanette Wintersons Roman ist durchaus dieser Kategorie zuzuordnen. Ihr Roman „Das Schwesteruniversum" besticht wie ihre bisher erschienenen Titel durch eine Sprache, die die Leserin in das Geschehen hineinzieht und nicht wieder losläßt. Eine Dreiecksgeschichte zwischen zwei Frauen und einem Mann dient als Folie, auf der die ganze Weite und Mehrdimensionalität der Liebe, des Begehrens abgebildet wird. Unbedingt lesen!

Winterson, Jeanette: Das Schwesteruniversum; Berlin Verlag 1997; 39,80 DM


Gar nicht gelesen haben muß man/frau dagegen den neuen Stoner Mc Tavish-Krimi von Sarah Dreher. Von Stoner-Fans sehnsüchtig erwartet, bleibt die Autorin dieses Mal weit hinter den Erwartungen zurück. Tiefsinnig-witzige Dialoge fehlen ebenso wie eine auch nur in Ansätzen spannende Krimihandlung.

„Stoner verkehrt in schlechten Kreisen" ist die äußerst banal erzählte Geschichte einer Frauentheatergruppe, die sich nicht ganz harmlosen Anschlägen ausgesetzt sieht. Nach zehn Seiten kann selbst die ungeübte Krimileserin die Urheberin der Vorfälle ausmachen. So kann man sich den Rest schenken, was ich im übrigen auch getan habe, was selten genug geschieht.

Dreher, Sarah: Stoner verkehrt in schlechten Kreisen; Argument Verlag 1997; 19,80 DM


Soeben erscheint der Vorabdruck zum lang erwarteten Roman "Hölle Himalaja " von Sergej Michalowich Müller dessen Inhalt, von Müller selbst erlebt und aus der Ich-Perspektive geschildert wird. Der Handlungsort wurde als dramaturgisches Mittel vom Niederrösslberg, malerisch gelegen im Salzkammergut auf den K2 im Himalaja reflektiert.

Der Roman beginnt gleich auf 4000m Höhe in einer Seilbahn, die als Mittel künstlerischer Freiheit meiner Ansicht dazu dienen soll, die Unüberwindbarkeit selbst unüberwindbar erscheinender Distanzen in kurzer Zeit und mit einiger Kaltschnäuzigkeit, wie sie uns von Müller spätestens nach "Anna und der Zuckerwürfel" bekannt sein dürfte, zu verdeutlichen. Entweder daß, oder als einfaches Mittel von A nach B zu kommen.

"Hast du die Socken dabei?" heißt es bereits zu Anfang von Sergejs Bruder, der anscheinend glaubt Sergej müsse wissen um welche Art Socken es sich handelt, als habe er auf schier alle Fragen der Welt eine Antwort. Sergejs Hilferuf an die Welt, die von einfach zuviel von ihm verlangt.

Das Verhältnis zu seinem Vater wird auch in diesem Roman wieder als in hohem Maße gespalten zu bezeichnen sein, was allein schon daran zu erkennen ist, das Sergejs Vater im Kapitel "Hüttenkäse und Peitschenhiebe" eigentlich seine Mutter ist. Ein Mittel dem sich Sergej schon früher gewidmet hat, z.B. bei "Was sie sägen" als er seinem Vater jeden Abend aus dem Hüfthalter helfen muß.

Bezeichnend auch die Stelle, in der er einem Lebensmüden der nur mit einem Pyjama bekleidet in 6774m Höhe zunächst das Leben rettet indem er ihm 30 Pfennig leiht, dann jedoch weitergeht und genau über ihm aus Unvorsichtigkeit eine Lawine lostritt.

Sein ungeklärtes Verhältnis zur Sexualität arbeitet er in Kapitel "Bi im Biwak" auf, indem er ein heftiges Streitgespräch mit seinem Bruder führt. Dieser wirft ihm nämlich vor die "Sache mit der Bratpfanne" nicht ernst gemeint zu haben, worauf Sergej zu dem Wasserspender greift und seinen Bruder, hysterisch kichernd, naßspritzt. "Du bist nicht mehr mein Bruder!" ereifert dieser sich noch, woraufhin er sich in Sergejs Schwester verwandelt und kurze Zeit später abstürzt. Sehr gebeutelt von der Tatsache binnen kürzester Zeit zwei nahe Verwandte verloren zu haben, denkt Sergej selbst an Selbstmord, hat aber zuviel Angst er könne sich dabei verletzen.

Er setzt die Reise alleine fort und es scheint, als erlebe das Buch bereits eine Zeile später eine positive Wendung, als Sergej plötzlich aufschreit:" Hurra, der Gipfel!", doch auch diesmal bleibt er der Verlierer, als er beim näheren hinsehen bemerkt, daß es sich nur um einen Wipfel handelt. Sergej hat noch nicht einmal die Baumgrenze erreicht und der Leser fühlt sich fast selbst so verzweifelt wie Sergej selbst sich fühlen muß, und es ist ein einfaches sich mit demnächsten Satz:" Na, dann." zu identifizieren.

Bereits seit "Betts traurige Jagd nach dem Blauschimmel" ist bekannt welche Beziehung Sergej zur Nahrungsaufnahme hat und so wird auch in diesem Roman erneut mit den bekannten Fast-Food Ketten abgerechnet, als Sergej im Kapitel 48 "Tod oder Törtchen", obwohl er seit 27 Höhenmetern nichts mehr gegessen hat, demonstrativ eine Big Mac Schachtel neben sich liegen läßt, ohne auch nur einen Blick hinein geworfen zu haben.

Nicht verwunderlich, daß er im nächsten Kapitel genau vor dem Wegweiser "Mount Everest 2 km" umkippt und denkt: "Ich wollte doch auf dem K2."

Hier endet der Roman und es bleibt wie eh und je bei Sergej Müllers Romanen. Ein offenes Ende und ein lachendes und ein weinendes Auge beim Leser, der sicherlich noch lange von der Dichte des Romans und seiner kompakten Erzählweise beeindruckt sein wird und dessen weltpolitische Haltung zum Vergleich Eiger Nordwand / Mount Everest sich kraß verändert haben dürfte. Danke Sergej. (as)

Danke Andréj (d. Red.)