Psycho-Beratung

Hilfe, mein Gatte trinkt.

Eine psychologische Leserbetretung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhoff-Lammkoether

Liebe Frau Soja-Retorte,

Ich bin etwa 42 Jahre alt, habe durchschnittlich 1,8 Kinder und bin verheiratet mit einem Mann, Manni, (46). Wir haben eine 80qm-Wohnung, ein Auto, eine Katze und fahren einmal pro Jahr in Urlaub. Sie sehen, wir sind eine ganz normale Durchschnittsfamilie und könnten eigentlich zufrieden sein. Wenn da nicht mein Problem wäre: Mein Gatte trinkt. Nun, werden Sie sagen, was ist dabei, ich selbst trinke auch, täglich. Bei Ihnen wird es Tee sein, oder Kaffee, Wasser, Cola oder vielleicht auch einmal ein Gläschen Wein. Mein Gemahl aber trinkt täglich etwa 8 Flaschen Bier und mindestens eine bis eineinhalb Flaschen Korn der übelsten Sorte. Die Marke „Bördegülle" müßte Ihnen ein Begriff sein, denke ich. Und alles das nicht abends vor dem Fernseher oder in geselliger Runde. Nein, er beginnt schon morgens um vier den Tag mit einem kräftigen Schluck aus der Flasche, die neben dem Bett auf dem Nachtschränkchen steht. Wenn die schon leer ist, was häufiger vorkommt, weil er auch nachts von seinem Durst gequält wird, torkelt er zum Kühlschrank und holt Nachschub. Wenn er gut drauf ist, eine Pulle Bier, wenn nicht, eine Flasche Korn. Dann geht er Pinkeln, wenn ich Glück habe auf die Toilette, wenn nicht, dann irgendwohin. Das ist unangenehm. Unsere Nachbarn unter uns klagen schon über feuchte Decken. Wenn Manni fertig ist, kommt er nochmal ins Bett. Er läßt sich dann hineinfallen, wie ein Elefant, so daß ich auf der anderen Seite des Liegemöbels in die Höhe geschleudert werde. Manni schäft dann sofort ein, wenn ich Glück habe, wenn nicht, möchte er etwas Kurzweil und ich muß ihm zuwillen sein. Ekelig. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen einen gepflegten Beischlaf am Morgen, aber nicht mit meinem Mann. Um sieben Uhr muß ich Manni aus dem Koma erwecken, denn er muß um halbacht zur Arbeit, er ist Schulbus-Fahrer. Die Lehrer und Mütter der Kinder haben sich auch schon beschwert, weil die Kleinen immer nach Fusel riechen. Einmal hat mein Gatte den Bus auch schon vor eine Schulhofmauer geknallt. Den Kindern ist nichts passiert, aber der Unterricht mußte ausfallen, weil der Lehrer hinter der Mauer stand. Seitdem lieben die kleinen Racker meinen Mann. Nach zehn Monaten hat Manni dann seinen Führerschein wiederbekommen und das Ereignis ganz groß gefeiert. Mit Bier und „Bördegülle" versteht sich. Kürzlich ist die Tante meines Gemahls verstorben, mit 83 Jahren, an Leber-.zirrhose. Wir waren natürlich in der Kirche bei der Trauerfeier. Alle Wirte der Gegend waren ebenfalls anwesend und haben fürchterlich geweint, denn Tante Trude war sehr beliebt. Alle nannten sie nur „Underberg-Trudchen". Der Pastor hat sich beim „Vaterunser" mehrfach versprochen, dann duckte er sich kurz hinter dem Altar, als er wieder hervorkam, konnte er reden wie ein Weltmeister. Nur ein Versprecher ist mir noch aufgefallen, er sagte: „mit Wehrmut denken wir noch an die Zeit, als . . . usw." Sicher meinte er: Mit Wehmut denken wir . . . Manni klärte mich später auf, es sei kein Versprecher gewesen. Alle haben gelacht und fürchterlich gefeiert. Abends ist Manni wieder vor dem Fernseher eingepennt, natürlich schnarcht er, dann versagte sein Schließmuskel und ich hatte wieder alle Hände voll zu tun. Bei allem ist mein Gatte aber ein liebevoller Ehemann und Vater geblieben. Stets bietet er mir und den Kindern etwas von seinen Lieblingsgetränken an, da ist er großzügig. Wir lehnen natürlich dankend ab. Lediglich die Katze wird hin und wieder schwach und genehmigt sich ein Schlückchen, mehr ist auch nicht nötig, danach ist sie dudeldick und fängt an, die Mäuse zu füttern.

Liebe Frau Soja-Retorte, ich will ja nicht meckern. Dann und wann kann ein guter Tropfen schon anregend sein und helfen, Spannungen und Hemmungen abzubauen. Aber wenn man nachts um halbzwei auf einer großen Straßenkreuzung, nur mit Sockenhaltern bekleidet den Verkehr zu regeln versucht, wären da nicht einige Hemmungen durchaus zu begrüßen? Denn nachts um halbzwei ist doch hier in Hamm gar kein Verkehr mehr, jedenfalls nicht auf den Straßen. Bitte helfen Sie mir.

Claodia Kodze, Hamm

Liebe Frau Kodze,

Es tut mir sehr leid, daß Sie mit den liebenswerten Eigenarten Ihres Herrn Gemahl nicht klarkommen. „Ein Tröpfchen in Ehren, kann niemand verwehren".

Diese alte Kirchenweisheit dürfte Ihnen doch sicher ein Begriff sein. Beherzigen Sie diesen Spruch, springen Sie über Ihren Schatten und beteiligen Sie sich an dem Hobby Ihres Gatten. Es ist für eine Partnerschaft immer wichtig, gemeinsame Interessen zu haben, sonst lebt man sich sehr schnell auseinander. Sollten Sie sich trotzdem nicht entschließen können, Ihrem Gemahl zur Seite zu stehen, faxen Sie mir doch bitte die Adressen seiner Stammkneipen zu . . .

Herzlichst, Ihre Reni