Jedes Tor zum Park wird von Eisenspitzen gekrönt, an manchen Toren sind es bis zu sibenundzwanzig, an anderen nur achtzehn oder elf. Der Park selbst ist zum größten Teil von Dornenhecken umgeben, doch daneben gibt es hunderte von Metern dieser schmiedeeisernen, lanzenartig geformten Gitterstäbe..." Wer Ruth Rendell kennt, ahnt gleich am Anfang, daß sich hinter, pardon: auf diesen so detailliert beschriebenen Eisenspitzen mehr verbergen muß als die meisterhafte Milieuschilderung: ein Serienmörder, der es auf Obdachlosen abgesehen hat, präsentiert seine Opfer hier schauerlich aufgespießt... Kernteil des neuen Romans der mit Preisen überhäuften britischen Krimi-Königin ist aber eine ganz andere Geschichte: Mary Jago, Ende zwanzig, hat beschlossen, einmal in ihrem Leben etwas wirklich sinnvolles zu tun. Sie spendet Knochenmark, um das Leben eines anonymen Leukämiekranken zu retten; anschließend trennt sie sich von ihrem darüber entsetzten Lebensgefährten. Nachdem die Herzensgabe" offenbar erfolgreich übertragen worden ist, lernen sich Spenderin und Empfänger kennen. Eine echt romantische Liebesgeschichte bahnt sich an, die in einer Hochzeit hätte enden können, wenn nicht... Ein düsteres Geheimnis scheint den jungen, alsbald wieder leidend aussehenden Leo Nash zu umgeben.
Zugegeben: Beim ersten Mal habe ich nicht verstanden, wer den Mordauftrag erteilt hatte, der eben nicht in die Mordserie paßte. Es ist weniger die kriminalistische Handlung, die mich diesmal überzeugt hat (zumal kein Inspektor Wexford zur Stelle ist), auch die Story um die Herzensgabe erschien mir manchmal etwas an den Haaren herbeigezogen. Was den Roman aber dennoch zu einem Lesevergnügen macht, ist die brillante Schilderung von Milieu und Personen: der Hundeführer Bean, der früher in einem Homosexuellen Sado-Maso-Haushalt gearbeitet hat, Roman, der Obdachlose mit dem Eliteakzent, der Junkie Hob, der alles tun würde, um seinen Affen" zu verjagen - und dieser Park im Herzen Londons, gut vorstellbar als Schauplatz einer Verfilmung.
Ruth Rendell: Die Herzensgabe. Blanvalet-Verlag 1997