Das unglückliche Leben des Karl Bosiroff
Von André Schörnig
Karls Mutter war nicht gerade darauf versessen noch ein kleines Maul mehr zu stopfen als sie mit ihm schwanger war. Sie nahm sich fest vor ihn gleich nach der Geburt abzugeben und ihm keinen Namen zu geben, um nur nicht Gefahr zu laufen, Gefühle für ihn zu entwickeln.
Als er endlich kam, am 23.7.1884, merkte sie gleich, daß diese Sorge unbegründet war und sie taufte ihn zunächst Karl bevor sie ihn zusammen mit etwas Gebäck einer Händlerfamilie schenkte.
Karls Jugend war hart, er wurde viel rumgereicht, das heißt, meistens wurde er irgendwo festgebunden wenn seine momentane Familie ihm überdrüssig wurde.
Erst mit zwölf lernte er sprechen und auch erst, nachdem er sich die Frage: "Könntest du mir bitte sprechen beibringen?" selber beigebracht hatte.
Irgendwann kam Karl zum Film. Manche behaupten er hätte es geschafft weil er keinen natürlichen Haarwuchs hatte, jedenfalls nicht an den Stellen die die Gesellschaft als normal" bezeichnet. Andere sagen, er sei zum Film gekommen, weil sonst niemand die Leute so zum lachen bringen konnte wie er, und das, ohne dabei auch nur das geringste tun zu müssen. Es folgten Filme wie Ist die Hand da deine?" und Fleischeslust" in dem Karl in einer Doppelrolle sowohl den lieblichen Sohn des Grafen von Brustier als auch das schleimige Monster in dessen Fitnesskeller mimte. Der Film war ein wahres Meisterwerk, konnte seine Kosten jedoch bis heute nie wieder einspielen, weil die aufwendigen Masken, die für den Film benutzt wurden, so teuer waren. Danach war Karl in eine Ecke gedrängt, er bekam nur noch Monsterrollen angeboten, weil diese erstaunlich billig abgedreht werden konnten.
Mit fünfzehn Jahren wurde Karl von seiner siebenjährigen Bewacherin mit einem, im Polizeibericht üblen, stumpfen" genannten Gegenstand verdroschen, als er um ein weiteres Stückchen Decke bat und er konnte ein Jahr lang keine Monsterrolle mehr annehmen, weil sie sein Gesicht, ebenfalls nach Polizeiangabe, richtig schön zurechtgerückt" hatte.
Um nicht aus der Übung zu kommen spielte er in kleineren Heimatfilmen mit, meistens Gebrauchsgegenstände wie Steaks oder Hydranten, weil seine Zunge immer noch angeschwollen und sprechen wirklich unmöglich war. Als Karl nach dem Jahr immer noch nicht wieder geheilt war und die Wunden noch immer näßten, wurde er von seinem Regisseur schließlich zu einem Arzt geschickt, der sich den Jungen betrachtete und sagte: "Er ist zwar keine Kuh, aber ich denke, daß kriege ich hin. Er hat da übrigens irgendwas übles, stumpfes am Zahn, da hinten, neben dem Auge!" Der Doktor konnte Karl retten, und nach einer Woche stand er bereits wieder vor der Kamera, auch wenn er vom Kamerateam und den Kabelträgern erst gebeten werden mußte, aus seinem Stall zu kommen.
Er landete einen Erfolg nach dem anderen und verzichtete dennoch auf seine Gage, nachdem die Produzenten Karl ihre Version der Filmkosten vorrechneten. Er sah ein, daß Filmschaffen purer Idealismus war. Eine Einsicht, zu der Josita, die einzige Frau die ihn wirklich liebte und vergötterte, nicht fähig war, und ihn mit den Worten:" Ja dann, eben nicht." verließ.
Karl wollte sie überzeugen dennoch zu bleiben, fand aber außer: Wie, dann eben nicht?" keinerlei Argumente, die sie hätten umstimmen können. Karl war außer sich und drohte ihr mit Repressalien, worauf Josita ihn ohne Vorankündigung genau zwischen den Augen in die Oberlippe kniff. Sich am Boden windend, hörte er noch den Regisseur Schnitt" rufen, der die ganze Szene heimlich mitfilmen ließ. Nach drei weiteren Takes war die Szene schließlich im Kasten und er ließ Karl zufrieden wegrollen.
Der Film Gesichtsruine" wurde durch diese Szene Karls größter Erfolg und er entschied sich auf anraten seines Agenten, sich noch rechtzeitig vor dem Tode ausstopfen zu lassen, um in Zukunft nochmals neuen Ruhm zu erlangen, wenn die Wissenschaft endlich wieder in der Lage sein würde, das Ausstopfen rückgänging machen zu können. Ende