Literatur

DAMENWAHLvon Gunda Wirschun

Wer Ruth Rendell sagt, muß auch Barbara Vine sagen - eingefleischte Krimileserinnen wissen seit langem, daß sich hinter beiden Namen die gleiche Autorin verbirgt. Und so ist nicht nur die beim letzten Mal vorgestellte „Herzensgabe" noch recht neu auf dem Markt, sondern auch die „Schwefel-hochzeit" von B. Nine (Diogenes 1997).

Die 32jährige Genevieve, genannt Jenny, lebt seit ihrer Geburt in dem kleinen Ort Stoke Tharby, wo jeder jeden kennt, wo Aberglaube und Magie im alltäglichen Leben noch eine große Rolle spielen und wo man den „Jungen von nebenan" heiratet. Ein stilles Leben, denn (...) in unserem Dorf redet man nicht mit seinem Ehepartner. Die Frauen erwarten von Ihren Männern, daß sie ihre Freizeit im Garten verbringen oder im Haus herumwerkeln. Mum hat nie mit Dad gesprochen und er nicht mit ihr (...). Ihre Mum allerdings, miniberockte Wirtin im Nashville-Look, ist nach dritter Ehe mit einem Lover zusammen. Und Jenny kommt es auch nicht ungelegen, daß ihr Mike regelmäßig als Maurer in London zu tun hat und nur die Wochenenden mit ihr verbringt (dann aber am neuen Wintergarten werkelt...), denn sie hütet ein erotisches Geheimnis vor den Augen und Ohren von Tharby und macht sich bereits Gedanken über ein Liebesnest für die kältere Jahreszeit.

Da wird ihr völlig unerwartet ein Haustürschlüssel aufgedrängt. Stella, ihre todkranke Schutzbefohlene in dem Altersheim Middleton Hall, bittet sie, in ihrem Haus, von dem ihre Kinder nichts wissen und das jahrelang unbewohnt war, nach dem Rechten zu sehen. Stella ist anders als die übrigen Heimbewohner: elegant, gepflegt und völlig klar im Kopf. Ihr Verhältnis zu Jenny, die sie immer korrekt Genevieve nennt, ist schnell von Freundschaft bestimmt. Wann immer es die Zeit erlaubt, setzen sich beide zu einem Gespräch zusammen (wiederum argwöhnisch beäugt von der Heimleiterin, die Erbschleicherei wittert ...). Nur von ihrer Vergangenheit erzählt Stella zunächst nichts. Jenny ahnt bald, daß es da etwas zu verbergen gibt: Warum hat Stella so große Angst vor dem Autofahren? Warum behält sie ein Haus, von dem selbst ihre engsten Angehörigen nichts ahnen? Warum betont sie wiederholt, daß sie sich nur wegen Jenny für Middleton Hall entschieden habe?

Jenny, die das fast mit dem Moor verwachsene Haus „Molucca" für Rendezvous mit ihrem Geliebten Ned nutzt, stößt auf befremdliche Spuren: ein versengtes Kleid, ein verrostetes Auto in der Garage, verwelkte Blumen, eine ungetrunkene Flasche Champagner, eine in Öl verewigte Frau. („Irgendwie hatte ich das Gefühl, daß der Maler diese Frau geliebt hatte") Stella erwähnt den Namen einer Schauspielerin, um die es seit Jahren still geworden ist: Gilda Brent. Den Namen ihres damaligen Geliebten nennt sie allerdings erst auf Cassetten, die Jenny nach ihrem Tod erbt und die das ganze Geheimnis offenbaren, das Stellas Leben vor dreißig Jahren eine tragische Wende gab. Durch den Kunstgriff, Stella beim Besprechen ihrer Cassetten 'zuzuhören' , ist der Leser, die Leserin, Jennys Wissen dabei immer einen Schritt voraus.

Auch Jennys Liebe endet unglücklich. Trotzdem trennt sie sich von Mike und zieht in das ihr ebenfalls hinterlassene „Molucca", fest entschlossen, aus Stellas Vermächtnis - dem materiellen und dem geistigen - das Beste für sich und ihre Zukunft zu machen. Daß sie Stellas Tonbänder vernichtet, versteht sich dabei fast von selbst.

„Barbara Vine ist die Göttin des Kriminalromans. Jedes ihrer Bücher ist neu, intelligent, hervorragend."

Donna Leon