Literatur

DAMENWAHL

von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Peter Härtling: Große, kleine Schwester

Nach den beiden biographischen Musiker-Romanen „Schubert" und „Schumanns Schatten" erscheint im August Peter Härtings neuestes Buch, das das Leben zweier Schwestern erzählt.

Die Geschichte dreht sich um Ruth und Lea, Jahrgang 1907 und 1908, aufgewachsen in Mähren, der späteren Tschechoslowakei, geflüchtet nach Schweden, wo sie nunmehr seit 40 Jahren zusammen wohnen und alt werden. Der Lebensweg der beiden Töchter aus gutem Haus ist verknüpft mit dem Verlauf dieses Jahrhunderts, dem Erleben des 1. und 2. Weltkrieges und der politischen Entwicklung in dem Heimatort Brünn, wo einst Deutsche, Tschechen, Juden und Christen zusammenlebten. Härtling erzählt den Stoff, der sehr an Tessa de Loo`s „Die Zwillinge" erinnert, als Außenstehender, in einer eigenwilligen, einfachen Sprache - mal die Sichtweise Leas hervorhebend, manchmal sich auf Ruths Seite schlagend. Das Buch ist unterteilt in 37 Kapitel, die sich abwechselnd der Gegenwart und der Vergangenheit widmen. So erfahren die Lesenden in gleicher Weise die momentanen Lebensumstände der beiden über 80jährigen, kränkelnden Frauen, wie auch die Schilderung der Kindheit und Jugend, der Nazizeit und des Krieges. Härtling gelingt es, das Geschehen immer aus der Sichtweise der beteiligten Frauen wiederzugeben, so daß es hier nicht um Beschreibungen des großen Kriegsgeschehens geht, sondern um das Erleben der Privatperson, eingebunden in ihre Familie und ihren Bekanntenkreis.

Durch die Verknüpfung der beiden Zeitebenen entsteht ein sehr lebendiges und bewegendes Bild der beiden Lebensläufe. Die alten Damen, die in der Gegenwart alt, gebrechlich und teilweise verbittert wirken, blicken auf ein Jahrhundert an Erinnerungen zurück, die die trist anmutende Gegenwart beleben. Und neben der sehr interessanten Schilderung vergangener Welten fesselt die Lektüre dieses Buches durch die schrulligen Charaktere Ruth und Leas. Denn Härtling hat mit diesem Roman auch die Geschichte einer Schwesternbeziehung geschrieben. Obwohl die beiden sich von klein an gestritten, beneidet und kritisiert haben, haben sie fast ihr ganzes Leben miteinander verbracht. Und noch im Alter können sie es nicht lassen, stichelnd die Schwächen anderer zu entblößen. Dennoch ist es deutlich, daß die beiden Frauen einander brauchen und sich gegenseitig am Leben erhalten, solange die Gesundheit es erlaubt. Allein schon die Bekanntschaft Leas und Ruths gemacht zu haben, macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Härtling ist es durch seine Sprachgewandtheit sehr gut gelungen, die Frauen in ihrer liebenswerten Garstigkeit sehr lebendig vor unseren Augen erscheinen zu lassen. Schade, daß er sich dafür nicht noch mehr Zeit und Seiten genommen hat.

Peter Härtling: Große, kleine Schwester; Kiepenheuer & Witsch