Die Hand am Ohr

Ja, so war das...

Von André Schörnig

Ja und so war das auch! Ich weiß noch genau, wie alles war. Als Kind, ich muß so sieben oder acht gewesen sein, da wurde ich einmal von ein paar älteren Mitschülern gekidnappt, denen war langweilig oder so. Gut, mir war auch immer langweilig, aber das war nichts gegen die Langeweile die man spürt, wenn man an einen Eichenstuhl gefesselt ist und vom Fernsehbild weggedreht an die Wand gucken muß. Ich war richtig froh, als endlich mein linkes Bein einschlief und ein bißchen lustig kribbelte. Zwei von den Jungs setzten ein Schreiben an meine Eltern auf, in dem sie eine Million Mark forderten und freien Abzug falls sie erwischt würden, ziemlich bekloppt die Typen. Meine Eltern waren im Urlaub, gerade den ersten Tag, vier Wochen Schwarzwald, und da meine Oma momentan nicht flüssig war entschied sie, auf die Rückkehr meiner Eltern zu warten und handelte mit den Erpressern eine tägliche Lieferung vom Pizzaservice für mich aus.

Na ja, der Brief lag da, schimmelte genauso wie ich vor sich hin und wartete, ebenfalls wie ich, auf meine Eltern. Inzwischen begannen die großen Ferien und die Jungs verloren bald das Interesse an mir, irgendwann wird eine Wange nun mal nicht roter, egal wie oft man draufhaut. So saß ich da, alleine in meinem Kellerloch, gefesselt und geknebelt, jeden Tag mit einer Salamipizza und einer Cola. Als mein Vater aus dem Urlaub kam und den Brief sah, erschrak er aufs heftigste: eine Million Mark, und das nach dem teuren Urlaub. Nun, er war sicher mit viel Arbeit seinen Sohn retten zu können, und so verbrachte er die ganze Nacht in seiner Werkstatt und reparierte Autos, bis das Geld zusammen war.

Nach dieser Nacht wurde ich 19, und die Fesseln platzten von alleine durch mein natürliches Wachstum. Sehr groß wurde ich zwar nicht, aber es reichte um meinem Vater erstmal richtig eine aufs Maul zu hauen. Danach versoff ich das Geld, bis auf den letzten Groschen. Unglaublich wie ich am nächsten Tag kotzen mußte.

Meine Mutter übergab sich daraufhin ebenfalls, und auch meine Oma, beide entschieden ich solle etwas ordentliches lernen, auch wenn mein kotzen schon ziemlich perfekt war. Zuerst verprügelte meine Mutter mich, dann verprügelte meine Oma mich, und dann verprügelten wir alle meinen Vater.

Ich ging zu einem Metzger in die Lehre, der es sehr gut mit mir meinte. Jeden Tag durfte ich mir soviel Fleisch von den Restknochen kratzen wie ich tragen konnte, und als meine Oma starb, nahm er sich mir zuliebe Ihrer an und verwurstete sie. „Dat kommt nur druntergemixt, daß merkste nich..." Das war auch das erste Mal, daß er mir eine ganze Wurst schenkte.

Am Tag vor meiner Gesellenprüfung meinte er, ich müsse endlich meine Hemmungen ablegen und auch mal ein Stück Fleisch zerschneiden; bisher hatte ich mich immer ein wenig geschämt ein Schwein zu bemalen und es dann der Linie entlang zu zerteilen, doch er machte mir Mut.

Und er hatte Recht, bei Oma hatte es ja schließlich auch geklappt.

Und so wurde ich Metzgersgeselle und war unglaublich stolz auf mich und meinen Meister, der mir alles beigebracht hatte, was ich je über Möppkenbrot und Schweinedarm wissen würde.

Er bot mir seine Tochter, die eigentlich sein Sohn war, zur Frau an und wir heirateten und gründeten eine Familie mit drei gesunden, na ja, Kindern. Wie er, oder sie, das geschafft hat ist mir bis heute schleierhaft.

Wir arbeiten nun alle fünf glücklich und zufrieden in unser Metzgerei und hoffen auf Kunden die nicht immer bloß gucken wollen. Ich bin den Jungs, die mich damals entführten sehr dankbar, nicht zuletzt dafür, daß ich durch sie meinen Vater mal so richtig vermöbeln konnte.