Die Hand am Ohr Arsch


Novellierung im Steuerrecht - oder wie Lokuspapier den Sozialstaat rettet.

Am 1. April 1999 fällt nun endlich der Startschuß zum neuen Steuerrecht, der erfolgversprechend den Weg ins Entwicklungsland Deutschland geebnet hat. 630,-DM-Jobs sind jetzt steuerpflichtig und schweißen die sonst gegensetzlichen Arbeitgeber / Arbeitnehmerblöcke untrennbar zusammen. Die bisherige 20%ige Lohnsteuerpauschale, die zu Lasten des Arbeitgebers ging, wird nun auch auf den Arbeitnehmer abgewälzt, der bei Steuerklasse VI als Zweiteinkommen rund 25 % Lohnsteuer abdrücken darf. 22 % Renten- und Krankenversicherungsbeiträge zahlt der Arbeitgeber zusätzlich, und so macht man aus 20 % Lohnnebenkosten schlappe 47 %. So fördert man die Kaufkraft ungemein. Findige Arbeitgeber aller Branchen sind schon auf die geniale Idee gekommen, ab sofort ihren Betrieb fast alleine zu führen und einen Großteil ihrer Mitarbeiter gar nicht mehr anzumelden, was auch dem steuerpflichtigen Arbeitnehmer sehr entgegenkommt. Hier werden echte Solidargemeinschaften gebaut. Produzierende Großunternehmen lösen ihr Ökosteuerproblem, indem sie ins benachbarte Osteuropa abwandern. Doch wer füttert wieder das nagelneue, selbst-gezimmerte Millardenloch der Regierung? Die neue Mitte natürlich. Zusätzlich wurde bei heißen Debatten in den vergangenen Tagen und Nächten folgendes geniale Konzept ausgearbeitet:

Die LPS (Lokuspapiersteuer) soll in den nächsten Tagen verabschiedet werden. Was bedeutet LPS im Klartext? Bei dem handelsüblichen Toilettenpapier bleibt die Mehrwertsteuer zunächst erhalten. Die Produzenten, die bisher ihren Obulus an das Duale-System gezahlt haben, um so den grünen Punkt zu erhalten, werden von diesem Beitrag befreit, müssen allerdings eine Rücknahme von 30 % ihrer gebrauchten Produkte über eine Entsorgungsfirma nachweisen. Für den Artikel "Toilettenpapier" wird ab 1.4.99 eine LPS in Höhe von 84 % des Verkaufspreises erhoben, die von den Händlern direkt an die Finanzämter abzuführen sind. Für den Verbraucher bedeutet dies nicht nur eine merkenswerte Preiserhöhung sondern auch folgendes: Ab dem 1. April muß jedes dritte Blatt des benutzten Toilettenpapiers separat über den "Braunen Sack" entsorgt werden, das macht bei einer durchschnittlichen Rollenstärke von 390 Blatt genau 130 Blatt pro Rolle. Die "Brauen Säcke" werden wöchentlich von genannten Entsorgungsfirmen abgeholt. Sie sind in acht Kategorien unterteilt und ab dem 1.4.99 bei den Bürgerämtern kostenlos erhältlich. Für Toilettenpapier gelten folgende Entsorgungskategorien, im Folgenden kurz "Ek" genannt:

Ek I: einlagig, grau, rauh;

Ek II: zweilagig, mittelrauh, bestehend aus Altpapier;

Ek III: reinweiß, einlagig

Ek IV: reinweiß, vierlagig

Ek V: vierlagig mit floralem Design;

Ek VI: kuschelweich achtlagig Ek VII: feuchtreinigend

Ek VIII: (nur gültig für den Großraum Hamm) vierlagig, Design O. Alt, handsigniert.

Um die Einhaltung der oben genannten Verordnung kontrollieren zu können, sollen umgehend 300 neue Mitarbeiter per 1000 Einwohner pro Gemeinde den Umwelt-ämtern zugeführt werden.

Bei 77.000.000 Einwohnern bundesweit entstehen so 23.100.000 neue Vollzeitarbeitsplätze. Die Finanzierung dieser Arbeitsplätze wird ganz unkompliziert über eine geringfügige Neuverschuldung des Staatshaushalts geregelt.

Die freie Wirtschaft braucht in diesem Zusammenhang dann ohnehin niemand mehr und die Durchführung der zweiten und dritten Stufe der Ökosteuer dürfte damit auch völlig konfliktfrei realisierbar sein. (fr)