Literatur

DAMENWAHL

von Margret Holota - Buchhandlung Akzente -

Hilfe die Russen kommen! Präziser: Die Russinnen kommen! Noch präziser: Eine Russin kommt: Alexandra Marinina mit ihrem Krimi "Auf fremden Terrain"! Es ist der erste von bisher neun in Russland veröffentlichen Fällen mit Anastasija Kamenskaja, einer Moskauer Kripobeamtin. Diese ist eine intelligente Frau: neben ihren Kriminalfällen löst sie auch knifflige sprachliche Probleme, da sie, um ihr schmales Gehalt aufzubessern, nebenberuflich Texte aus dem Englischen ins Russische übersetzt. Dazu hat Anastasija - wie es sich für eine Ermittlerin aus dem Buche gehört arge Probleme mit dem Gefühlsleben, sprich der "Richtige" will nicht in ihr Leben treten. Geschulte Freudianer erkennen natürlich sofort die Ursache in ihrer engen Vaterbindung (deshalb erwähnenswert, weil diese psychische Disposition durchaus für die Ermittlungen Relevanz hat), da selbstredend keiner der Kandidaten an diesen heranreicht.

Die LeserInnen treffen die Kamenskaja in "Stadt", wo sie sich zwecks Kurierung ihres Rückenleidens in einem Sanatorium aufhält. Alexandra Marinina beschreibt sehr deutlich, was wir eigentlich schon immer wußten, nämlich, daß man im russischen Leben nur mit Schmiergeldern das bekommt, was man braucht und daß sich jeder in einer halbwegs einflußreichen Position unrechtmäßig bereichert. Nun, Anastasija bekommt ihr Doppelzimmer für sich allein, das sie braucht, um ungestört an ihren Übersetzungen arbeiten zu können, mit Hilfe ihres gesamten Monatsgehalts.

Ansonsten aber scheint "Stadt" sauber zu sein: keine Korruption, keine bestechlichen und bestochenen Beamten, eine funktionierende Stadtverwaltung.

Anastasija kommt natürlich nicht dazu, in Ruhe ihre Übersetzungstätigkeit auszuführen, geschweige denn, ihren Rücken zu heilen. Bald wird sie Zeugin dubioser Besuche von Fremden im Sanatorium und auch die anderen Patienten scheinen nicht alle nur Erholung zu suchen. Als ein Mord geschieht, wird sie jedoch nicht von der örtlichen Polizei sondern von den wahren Regenten der Stadt um Hilfe gebeten. Damit klärt sich auch das Rätsel um die "saubere" Stadt - natürlich alles in fester Mafiahand.

Der Plot des Krimis ist intelligent und glaubwürdig und die Geschichte drumherum flott in Szene gesetzt. Leider bleiben jedoch die handelnden Figuren seltsam im Schatten, kommen dem Leser nicht wirklich nahe. Unsere von E. George, M. Walters und D. Leon beeinflußten Krimirezeptoren vermissen das psychologische Moment in der Beschreibung der Charaktere. Fazit: Ein Krimi der ganz anderen Art; reizvoll zwar und doch gewöhnungsbedürftig.

Vielleicht hatte die Autorin in ihren nachfolgenden Büchern, die noch der Übersetzung und Veröffentlichung in Deutschland harren, mehr Mut, gewisse Klischees, die durchaus als Anbiederung an westliche Krimitradition gewertet werden könnten, zu vermeiden. Wir hoffen!

Alexandra Marinina: Auf fremden Terrain; Argon 1999; DM 36,00