An zwei Wochenenden wurde bis zum Exzess in Sachen Abmischung gelehrt, um mit dem abschließenden Konzert der GURKENDIEBE, der Band selbst zu dem Sound zu verhelfen, den sie sich schon sooo lange verdient hatte. Könnte man meinen, aber der eigentliche Sinn und Zweck dieser Veranstaltung sollte es dann doch nicht sein. Ein auserlesenes Grüppchen von hauptsächlich nebenberuflichen Selbstmusikern wollte den Blick hinter das Mischpult wagen, um sich endlich einmal von der harten Arbeit ein Bild zu machen. So durfte beim abschließenden Konzert der GURKENDIEBE am 06/03/1999 jeder der Teilnehmer mal an die Regler, um sich dem Stress eines Mischers freiwillig auszusetzen. Angeblich verderben viele Köche ja den Brei, ich wurde auch von Heinz ob der Qualitätsansprüche gewarnt, doch das Endergebnis, an diesem für das JZ Süd ungewöhnlichem Veranstaltungssamstag, ließ kaum Wünsche offen. War bei den ersten Songs der Hall noch in jeder Stimme und jedem Instrument übertrieben, legte sich dies schon recht früh, so dass ich jetzt nichts mehr an dem Mixer-Debüt aussetzen konnte. Erstklassige Arbeit, Gratulation.
Weiterhin ungewöhnlich für das JZ SÜD war die Tatsache, dass es nur einem musikalischen Gast vorbehalten war den Saal zu füllen. Rechnete man anfänglich noch mit höchstens 30-40 Zureisewilligen, war selbst die Leitung des JZ sichtlich überrascht von den ca. 120 Zuhörern, die den Weg an diesem Tage ins JZ fanden, um den GURKENDIEBEN ihren Tribut zu zollen. Jetzt weiß die Band wenigstens wo sie im Hammer Musikhimmel steht.
Doch das größte Problem der Band offenbarte sich, für kaum einen merkbar, schon vor Konzertbeginn, als es darum ging den Gitarristen Pete Mad Jan vom Alkohol abzubringen. Nach anfänglich heftigsten Diskussen über den Sinn des Lebens wurde dieser dann auch zu eben jenem bekehrt, so dass der besagte das erste und wohl letzte Mal mit einer, wie er selbst sagte, leckeren Flasche Wasser vor dem Konzert gesichtet werden konnte. Er hat halt noch zu lernen, dass man gerade im Musikgeschäft die größten Kompromisse seines Lebens eingehen muss. Das Set der GURKENDIEBE beinhaltete an diesem Abend alles was jemals spielbares in den Köpfen der phantastischen Fünf umhergeisterte und das gleich mehrmals. Aufgeteilt in ca. 2 x 45 Minuten konnte beim ersten Teil die Stimmung zwar nur ansatzweise an vergangene Tage herankommen, jedoch hatte der Zuhörer erstmals die Gelegenheit auch Songs in der eigentlich gedachten Version (ohne sich zu verspielen) hören zu können. Doch mit Beginn des zweiten Abschnitts konnte Pete Mad Jan nicht mehr an sich halten, mutierte kurzerhand zum Entertainer und purzelte lustig rückwärts die Bühne herunter. Laut seiner Aussage gehörte das wohl zur Show(?), er sollte aber lieber froh sein, dass er sich nicht das Genick bei der Aktion mehrfach gebrochen hat. Angeheizt durch die jetzt völlig ausflippende Fangemeinde trumpften die GURKENDIEBE jetzt erst recht auf, die Songs wurden schneller, die Polonäse länger und die Kiste auf der Bühne immer leerer. Die Band ging bis an die Grenzen ihrer Zumutbarkeit, die anfänglich noch strammen Krawatten lockerten sich und das Publikum kannte jetzt auch die Texte. Besonders bei AUTO, einem Song, den es noch auf keinem Demo zu finden gibt, fand ich es faszinierend woher die Leute sich den Text nahmen. Oben angesprochener Lebemann und Gitarrist fand jetzt allmählich gefallen daran Bier zu verschenken, sich seiner Gitarre zu entledigen und kurzerhand mit Mikro durch das Partyvolk zu spazieren, wodurch das Ganze dann wirklich auf seinem Zenit angekommen war.
Nach etlichen Zugaben sollte es aber auch gut sein, der Senftopf hat ja schließlich nicht ewig auf, und alles nahm seinen Lauf. Die Instrumente konnten abgebaut werden, aber ratet mal wer nicht mithalf? Der Lebemann nahm lieber sein Bad in der Menge, als ob wir etwas anderes erwartet hätten. Zum Schluss kann ich nur auf folgende Konzerte der GURKENDIEBE verweisen, z.B.: dem ersten auswärtigen Konzert der Band, in MÜNSTER in der BARRACKE, Scharnhorster Str. am 16/04/1999 zusammen mit der UNVORSTELLBAREN PEIN. A.P.a.M.
Betreff: Gurkendiebe ArtikelDatum: Thu, 18 Mar 1999 16:44:41 ESTVon: HS3820@aol.comAn: willi@hamm.netHier eine kleine Bitte von mir, bezüglich des Gurkendiebe Artikel in der Willi. Aufgrund des Textinhaltes hat mich der Mann auf dem Foto(Andre AIRnst) darum gebeten unbedingt namentlich unter dem Bild genannt zu werden.
Er möchte Verwechslungen bezüglich des Alkoholverhaltens seines Mitgitarristen schon im Keim ersticken, um nicht auf der Straße verunglimpft zu werden.
Mit Bitte um Verständniss, A.P.a.M (hs3820@aol.com)
Livingroom Blues:
Zum vierten Mal wurde in der "Kleinen Bühne" in der Kulturwerkstatt ein "Livingroom", also ein Wohnzimmer, eingerichtet. Sofas, eine sogenannte Clubgarnitur, oder "Sitszsecke", wie Loriot sagen würde, Stühle und Tischchen mit spießigen Decken und Kerzenleuchtern darauf gaben dem Raum wirklich die behagliche Gemütlichkeit eines deutschen Wohnzimmers. Das Knabberzeug, das gereicht wurde, machte die Atmosphäre fast perfekt, wenn da nicht die Theke gewesen wäre. Denn es gab Faßbier, Wein, Korn, natürlich Cola und Fanta und der Zapfhahn stand nicht still, waren doch etliche durstige Gäste gekommen, sechzig an der Zahl, die sich in einem deutschen Livingroom von den Klängen des "Urgestein
des Blues", WHITEMAN MOLLE, in die Niederungen des amerikanischen Blues entführen zu lassen. Und diese Entführung gelang dem sympathischen Bad Oeynhausener geradezu mühelos. In urigem Outfit, mit Lederhosen, Lederhut, Indianerfeder und -Schmuck sah er wirklich so aus, als käme er gerade aus einem Indianercamp. Und dabei war er doch lediglich in New York und in London gewesen, immerhin. Und das Ungetüm von Gitarre, welche ihm ein Indianer-Freund gebaut habe, war eine gewöhnliche Dobro-Gitarre. Trotzdem, er hatte die Zuschauer sofort im Griff, denn er erzählte zwischen seinen meist eigenen Songs, viele Geschichten aus seinem bewegten Leben. Ob alle wahr gewesen sind, ist an sich völlig uninteressant, es war kurzweilig und die Gäste hörten ihm gerne zu. Noch lieber aber hörten sie seine Musik, und die war wirklich originell. Den Blues hatte er, ohne Zweifel, er spielte sehr viele eigene Songs, eine Mischung aus Blues, Balladen, Rock und Indianergesängen. Alles verpackt in publikumswirksame Rhythmen und Melodien. Mit einer riesigen alten Gitarre, der besagten Dobro, einer ausgezeichnet gespielten Harp und einer virtuos beherrschten Querflöte bot er aber auch genug Abwechslung, um die Songs nicht langweilig werden zu lassen, denn für einen Einzelkämpfer ist es auf einer Bühne nie leicht, zu unterhalten. Das tat er übrigens auch mit ein paar Coverversionen: "Shadows on the Wall" von Chappo, "Johnny B. Goode", Steve Miller´s "The Joker", "Long Tall Sally" oder "Hey Joe" von Jimy Hendrix. Und das alles in seinen ureigensten Sound, das war schon Klasse. So Klasse, daß die Gäste den Blueser mehrfach auf die Bühne zurückholten. Es war ein gemütlicher Abend mit toller Partystimmung, und das alles für nur fünf Mark Eintritt. Übrigens, der nächste "Livingroom-Blues" ist im September. Willi lesen! (Hh)
"HAMMER-Spitze"
Mal etwas völlig anderes im Hoppe Garden, dachten sich die Veranstalter, und luden zur dritten Veranstaltung in der Reihe "HAMMER-Spitze" die Jazz/Fusion-Band RUHRFLOTT QUARTETT ein, die jazzinteressierten Zuschauer zu unterhalten. Die letzte Band, die diese Musik im sonst eher rock- und bluesorientierten Hoppe Garden präsentiert hatte, war der "Superdrummer" Pete York mit seinen "Blue Jive Five". Der hatte 230 Zuschauer locken können. Das "Ruhrflott Quartett" brachte es dagegen leider nur auf 35. Schade, denn ein paar mehr hätten die vier Musiker schon verdient. Natürlich geht die Musik dieser Band nicht so leicht ins Ohr wie Peter Alexander, da muß man schon einen gewisses Interesse für diesen Sound haben, um standhaft im Saale zu bleiben. Das "Ruhrflott Quartett" meisterte gekonnt die schwierigsten Passagen der Songs von Herbie Hancock, Scott Henderson, Bob Berg oder Mike Stern. Besonders Björn
Grote am Baß konnte mich überzeugen, aber schließlich studiert er dieses Instrument auch, ich glaube in Holland. Allerdings standen ihm Felix Westermann, Michael Hügel und Carsten Steinkämper in nichts nach, muß man fairerweise sagen. Übrigens sind alle Musiker der Band an irgendwelchen Hochschulen zugange. Aus dem Gitarristen, der sein Instrument perfekt beherrschte, bin ich nicht so ganz schlau geworden. Wieso? Nun, ich kann auch heute noch nicht sagen, ob er mir gefallen hat. Dieses Gewiggel auf einer zu leise eingestellten, total verzerrten Gitarre konnte ich noch nie leiden, aber zu dieser Musik scheint es einfach dazuzugehören. Nur als er sagte: "Wir spielen jetzt einen Song von Robben Ford, der ist auch Bluesgitarrist," habe ich mich gefragt, ob ich wohl im falschen Film bin. Denn man kann den Gitarrenstil des Ruhrflott-Gitarreros mögen oder nicht, eines spielt er ganz gewiß nicht: Blues! Von einer kurzen Trink- und Pinkelpause unterbrochen, spielte die Band ihr Programm routiniert und sauber, mit einem trotz kleiner Anlage kräftigen Sound. Das Publikum quittierte es mit freundlichem Applaus und motivierte die vier Jungs, aus ihren Instrumenten das Beste herauszuholen. Allein die öden Ansagen des Gitarristen und "Sprechers" der Gruppe gehörten in die Schublade:
"Äußerst unprofessionell."
Die April-HAMMER-Spitze fällt leider aus. Die für diesen Termin vorgesehene Band DOC STRAIGHT hat sich aufgelöst und trotz "Ausschreibung" konnte sich kein Ersatz finden. Nun, wer nicht will, der hat schon. Nächster Termin ist der 5. Mai, dann spielt VIOLET! (Wie passend für den Wonnemonat) (Hh)
Erstes Highlight in diesem Jahr
Mit dem ersten Top-Act der Saison haben sich die Veranstalter der Kulturwerkstatt Zeit gelassen, aber wie Willi erfuhr, sollte das Konzept in diesem Jahr sowieso etwas geändert werden. Nämlich monatlich eine "HAMMER-Spitze" und fünf bis sechs Top-Acts im Jahr, sowie die "3. Summertime Music-Party". Das erste dieser Highlights war nun am Samstag, den 20. März die HAMBURG BLUESBAND, und die hatte es in sich. Denn die Band hat namhafte Musiker, ja sogar eine lebende Legende in ihren Reihen, als da wären Alex Conti, Gitarrist und Kopf von LAKE, eine Gruppe der achtziger Jahre, die auch in den USA erfolgreich waren. Alex war im letzten Jahr schon mit Inga Rumpf in der Kulturwerkstatt zu Gast. Des weiteren Hans Wallbaum, Ex-Drummer von STOPPOK und einer der besten Schlagzeuger der Republik. Und die lebende Legende heißt mit Namen Dick Heckstall-Smith, Saxophon-Spieler von Weltklasse und ständiges Mitglied von John Hisemann´s Supergruppe COLLOSSEUM. 185 Zuschauer hatte den Weg in den Hoppe Garden gefunden, die meisten kamen aus den umliegenden Städten wie Unna, Kamen, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Münster und Bielefeld, um echten, hammerharten Blues zu erleben. Übrigens keinen puritanischen 12-Takte-Blues, sondern sehr interessant arrangierten und interpretierten modernen Blues-Rock der ersten Kathegorie. Gert Lange, charismaticher Sänger und Frontmann der Band, mit einer sagenhaften Stimme, legte los mit der Slide-Gitarre (Gitarre spielte er auch sehr gut, obwohl er später in der Garderobe sein Spiel als sehr bescheiden bezeichnete) und mit einem gewaltigen Schlagzeugbreak stieg die Band ein und schleuderte dem Publikum einen kraftvollen supersauberen Sound um die Ohren, der laut, aber nicht aufdringlich war. (Gert Lange: "Der Typ am Mixer ist ein Könner, das gibt es leider nicht immer.") Songs von der ersten CD "Real Stuff" sowie neue Songs von der brandneuen, gerade erschienenen. Alex Conti zog alle Register seinen Könnens, wobei er nicht nur die anwesenden Musiker im Publikum beeindruckte, durch seine Virtuosität und nicht zuletzt durch seine deutlich erkennbare Spielfreude, die übrigens alle der fünf Musiker an den Tag legten. Und Hans Wallbaum bewies eindrucksvoll, daß er zu den besten Drummern Deutschlands zählt. Zusammen mit dem hervorragenden Bassisten Michael Becker, der seinen Bass sparsam, sehr gezielt und mit einem wunderbaren Sound perfekt spielte, bildete Wallbaum eine Rhythmusgruppe, die sich jede Band nur wünschen kann.
Gert Lange als Frontmann und Sänger war ein guter Unterhalter, der, wenn er Gitarre spielte, seinem Publikum vor der Bühne nicht selten direkt in die Augen schaute und den Kontakt sofort herstellen konnte.
Nach einer kurzen Pause begann der zweite Set. Gert Lange trat ans Mikro und sagte den Senior des Abends an, Saxophon-Papst Dick Heckstall-Smith, den Mann, der das Saxophon in die Rockmusik eingeführt hat. Gleich zu Anfang zeigte er, was sonst kaum ein anderer kann. Er spielte auf zwei Instrumenten gleichzeitig in verschiedenen Tonlagen, kaum zu glauben. Dick gab dem Sound der Band noch ein Sahnehäubchen oben drauf, mit den verschiedensten Blasinstrumenten. Dann trat er ans Mikro, und spielte auf einer seltsamen "Tröte" etwas afrikanisch klingendes, solo, ohne Bandbegleitung, bevor die gesamte Gruppe dann wieder einstieg und Tina Turners "Crazy About You" coverte. "Rattlesnake Shake" von Fleetwood Mac schloß sich an und das Volk war aus dem Häuschen. Natürlich gab es Zugaben, aber Dick wird in Kürze fünfundsechzig, da muß man an seine Gesundheit denken. Nach einem tollen Konzert zog sich die Band in die Garderobe zurück, wo wir mit ein paar Freunden noch bis vier Uhr plauderten. Und da haben wir noch viele interessante Dinge gehört über Stefan Stoppok, Jack Bruce, Inga Rumpf, Collosseum oder Chris Farlowe. Nett war´s Jungs, bis bald mal . . .
Hh.