von Margret Holota - Buchhandlung Akzente -
Umständehalber (Stichwort Hammer Literatur-Quintett anläßlich des Welttages des Buches am 23. 04. 1999) nahm ich ein Buch zur Hand, das sonst wahrscheinlich an mir vorübergegangen wäre: Christa Heins erster Roman Der Blick durch den Spiegel ist ein wirklich großes Lesevergnügen!
In einer sehr dicht und mitreißend erzählten Geschichte begegnen wir Sophie Berkholz, Tochter eines hochangesehenen Legationsrates in Riga zu Beginn unseres Jahrhunderts. Sophie hat nicht nur Mathematik studiert, sondern unterrichtet auch an der Universität - eine sehr ungewöhnliche Tätigkeit für eine Frau jener Zeit und gesellschaftlichen Schicht.
Demzufolge ist der Vater auch nicht besonders angetan vom Lebensstil seiner Tochter und stellt ihr immer wieder Heiratskandidaten vor. Doch Sophie hat ihre eigenen Vorstellungen und es dauert lange, bis sie sich für einen Mann entscheidet. Albert ist Ingenieur und ein kluger Kopf, in dem Sophie zu Beginn der Ehe einen durchaus adäquaten Partner für philosophischen Gedankenaustausch findet. Doch nach der Geburt einer Tochter erfährt die junge Frau die Zwänge ihrer gesellschaftlichen Stellung und sie beginnt zu ahnen, daß sie wie ihre Mutter ein Leben jenseits intellektueller Beschäftigung wird führen müssen.
Eine Dienstreise ihres Mannes bietet ihr die unverhoffte Möglichkeit, aus ihrem Hausfrau- und Mutterdasein auszubrechen: Albert wird im Vorfeld des russisch-japanischen Krieges nach Port Arthur geschickt und Sophie soll ihm geheime Konstruktionspläne nachbringen. Sie unternimmt die weite Reise quer durch den Kontinent mit der Transsibirischen Eisenbahn. Während dieser wochenlangen und streckenweise abenteuerlichen Fahrt perfektioniert sie ihr Hobby, die Fotografie.
Sie erntet damit das Lob eines Mitreisenden, des Amerikaners Stanton, mit dem sie bald innige Zuneigung verbindet. Noch gehorcht sie den Konventionen und widersteht der Versuchung des Ehebruchs - nur um nach Ankunft in Port Arthur festzustellen, daß Albert seinerseits sie betrogen hat. Der Ausbruch des Krieges läßt jedoch fürs erste die privaten Probleme des Ehepaares zurücktreten. Sophie beschäftigt sich weiterhin mit der Fotografie und ihr gelingt es, hervorragende Aufnahmen vom Kriegsalltag zu machen, die sie mit neuen Techniken zu wahrer Kunst erhebt. Ihre Arbeiten erfahren durch die Veröffentlichung in amerikanischen Zeitungen große Anerkennung und Sophies Selbstbewußtsein steigt.
Wir lernen in Christa Heins Buch eine Frau kennen, die sich den Konventionen ihrer Zeit widersetzt und sich auch nicht aus Liebe den Rollenerwartungen der jeweiligen Männer in ihrem Leben, die diese an sie stellen, unterordnet. Mithin ist Der Blick durch den Spiegel ein Emanzipationsroman im weitesten Sinn.
Dieses Buch ist ein Schmöker für verregnete Urlaubstage oder für ein langes Wochenende im Liegestuhl. Hervorragend und in sich schlüssig erzählt, bietet es auch der etwas anspruchsvolleren Leserschaft sprachliches Vergnügen und atmosphärisch dichte Spannung.
Christa Hein: Der Blick durch den Spiegel; Frankfurter Verlagsanstalt 1998; DM 44,00