Psycho-Beratung

Ich glaube, ich werde gemobbt.

Eine psychologische Leserbestrafung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether

Liebe Frau Rüpelköter-Lahmasch,

Ich bin 56 Jahre alt, verheiratet mit einer reizenden Frau, meiner Gattin, habe zwei wundervolle Kinder und eines aus der ersten Ehe meiner Frau, und ich bin Verwaltungsangestellter bei der Stadt, nennen wir sie mal Musterstadt. (Ich habe Angst vor Repressalien) Bis vor etwa einem Jahr war auf meiner Arbeitsstelle noch alles in Ordnung, ich verstand mich mit meinen Kollegen prächtig, mit den Kolleginnen auch, mein Chef respektierte mich und meine Untergebenen akzeptierten mich ebenfalls. Aber dann begann die Misere. Ich verstand mich wieder einmal mit einer jungen Kollegin recht gut, während der Mittagspause, versteht sich. Wir befanden uns in meinem Büro, hinter und unterhalb meines Schreibtisches, als die Tür geöffnet wurde. Ein mir bekannter Kollege trat leise herein, sah sich vorsichtig nach allen Seiten um, ob ihn auch niemand beobachtete, und schloß die Türe wieder. Er bemerkte mich und meine Kollegin nicht und ich konnte mich auch nicht bemerkbar machen, denn mit einer Hand mußte ich meiner Partnerin den Mund zu- und mit der anderen ihre Arme festhalten, sonst hätte sie nur unnötig Aufsehen erregt und das wäre ihrer beruflichen Karriere nicht förderlich gewesen. Der Kollege, übrigens ein Mitbewerber um eine höhere Planstelle, öffnete einen Schrank, meinen Schrank, und entnahm ihm eine Akte mit dem Vermerk „Vertraulich„. Aus den schon beschriebenen Gründen konnte ich ihn nicht sofort zur Rede stellen, daher verrichtete ich zunächst die von mir begonnene Arbeit, ordnete meine Kleidung, nahm der jungen Kollegin ein Schweigegelübde ab und begab mich zur Kantine, um mein Mahl einzunehmen. Sofort zu Beginn der Arbeitszeit meldete ich mich bei meinem Chef an, um ihn von meiner Beobachtung in Kenntnis zu setzen. „Was denn„, sagte er, „während der Mittagspause? Hoffentlich kriegen wir da kein Ärger mit der Gewerkschaft.„ Dann lachte er, und fragte mich, was denn in der „Vertraulich-Akte„ stehen würde. Wahrheitsgemäß antwortete ich: „Ich habe in den letzten sechs Monaten die Arbeitsmoral der Kollegen und meiner Vorgesetzten beobachtet und mir Notizen über die Einhaltung der Arbeitszeiten gemacht, mit Namen, Daten und Uhrzeiten. Ich halte das schon für sehr vertraulich und ich hätte das nur unter ganz bestimmten Umständen öffentlich gemacht, Chef. Zumindest hat er wohl diese Akte gesucht, erwischt hat er aber die, mit den Speiseplänen der Kantine.„ Der Chef schluckte und fragte, ob er denn auch in der „Akte„ vorkommen würde. „Aber klar doch, Chef, da bin ich fair.„ Dann hat er mich wieder in mein Büro an meine Arbeit geschickt, wo schon die Betriebsratsvorsitzende auf mich wartete. Sie meinte, es läge da eine Anschuldigung wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz vor, von Fräulein Quengel (die junge Kollegin). Ich versicherte ihr, daß die Handlungen während der Mittagspause erfolgt sind und überhaupt, ich fühle mich keineswegbelästigt. Dann erzählte ich ihr von der vertraulichen Akte, worauf sie meinte, es wäre ja wohl doch keine Belästigung gewesen und sie wolle noch mal mit Fräulein Quengel reden. Die Sache ist dann im Sande verlaufen, vorläufig. Am nächsten Morgen wartete dann schon Kollege Schneiderhahn (der Aktenklauer) auf mich und beklagte sich darüber, daß ich ihn beim Chef verpetzt habe. Er habe einen riesigen Anschiß erhalten, weil er die Mittagspause durchgearbeitet hat - und, weil er die falsche Akte erwischt habe. Die höhere Planstelle könne er sich jetzt von der Backe putzen. Jetzt war der Weg wieder frei für mich.

Ein paar Tage später, kurz vor Feierabend, kam Fräulein Quengel zu mir ins Büro und war ganz lieb zu mir. Sie versprach, sich auch nicht belästigt zu fühlen, wenn ich ihr nochmals den Mund zu, und die Arme festhalten würde. Natürlich war ich etwas mißtrauisch, aber unter gewissen Umständen funktioniert der Unterleib halt besser, als das Hirn. Jo mei, so sind wir Männer nun mal. Am nächsten Morgen rief mich der Chef zu sich und eröffnete mir, daß Kollege Schneiderhahn jetzt die richtige Akte erwischt hätte. „Und jetzt ruht sie in meinem Tresor, lieber untergebener Kollege. Bitte gehen Sie jetzt in Ihr Büro, und zählen Sie Ihre Büroklammern. Wenn Sie damit fertig sind, ermitteln Sie bitte, wie viele Schnipsel sich in Ihrem Reißwolf befinden. Und was die höhere Planstelle angeht . . !„ Seitdem gehen mir die Kollegen aus dem Weg. Kann es sein, daß ich gemobbt werde?

Heinz-Herrmann Übelgünne, Hamm

Lieber Heinz-Herrmann,
Ja!
Herzlichst, Ihre Reni