Reisen mit Willi

Von New Orleans nach Chicago

Eine Reise durch die Musikgeschichte der USA, von Ulrich Holesch - Fotos Arnd Caspary

Da muß man fast fünfzig Jahre alt werden, um einmal in die „neue Welt„ zu kommen. Gemeint sind natürlich die USA, in unserem Fall die Südstaaten. Über ein Jahr hatten wir (Sabine, Arnd und ich) geplant, gespart, Informationen gesammelt und uns dann entschieden, die Tour NEW ORLEANS, VICKSBURG, CLARKSDALE, MEMPHIS, NASHVILLE, CINCINATTI, INDIANAPOLIS und CHICAGO zu machen. Und das sollte sich im Nachhinein als eine Tour durch die Musikgeschichte der Südstaaten erweisen. In unzähligen Clubs, Bars, Restaurants und Musikhallen haben wir sicherlich dreißig Bands erleben dürfen. In schmuddeligen kleinen Hinterhofkneipen ebenso, wie am Ufer des Mississippi, oder in der legendären „Grand Old Opry„ in Nashville/Tennessee. In den nächsten vier Willi-Ausgaben werde ich ein Wenig von dieser Reise erzählen, wobei ich mich auf die vier für mich interessantesten Städte konzentrieren werde. New Orleans, Memphis, Nashville und Chicago. Und ich kann versichern, alles, was man sich über diese Städte erzählt, alles, was man in Filmen oder Berichten sieht, stimmt.

NEW ORLEANS

Nach einer 24stündigen Reise von Hamm über Holzwickede, Düsseldorf, Frankfurt, Chicago (arschkalt) kamen wir endlich gegen 24.00 Uhr Ortszeit in New Orleans International Airport an. Die Zwischenlandung mit Aufenthalt in Chicago hatte uns zu Eiszapfen erstarren lassen, aber als wir, nachdem wir den Golf von Mexico überflogen hatten, in New Orleans aus dem Flieger stiegen, versetzte uns, nachts um zwölf, eine tropische Hitze in eine Superstimmung. Trotz gnadenloser Müdigkeit. Das Hotel war Klasse, direkt am berühmten „French Quarter„, ein (sehr großes) Viertel voller Bars, Kneipen, Restaurants, Cafes und Geschäften, am Mississippi gelegen. Aus unserem Fenster im 9. Stockwerk blickten wir auf die City von New Orleans und auf den „Superdome„ eine riesige Halle mit 22000 Sitzplätzen. Am nächsten Abend sollte dort GARTH BROOKS auftreten. War aber leider schon ausverkauft.

Nach einer ruhigen, schwülwarmen Nacht, die aber durch eine Klimaanlage erträglich wurde, machten wir uns auf den Weg in das „French Quarter„. Wenn man in Spielfilmen, Filmberichten, Voodoo-Horrorfilmen- oder Romanen von New Orleans sieht oder hört, ist immer dieser Bezirk gemeint. Dort gibt es unzählige enge Gassen und Straßen mit diesen berühmten Häusern mit Balkonen und Säulen. Prächtige Villen der großen Bürgerkriegs-Soldaten oder Politiker. Aber auch „La Fitte´s Black Smith Shop„, eine Piano-Bar, früher eine Schmiede und das Hauptquartier der berüchtigten Seeräuber-Brüder La Fitte. Das Gebäude ist zwei Jahre älter als die Vereinigten Staaten. Wir habe dort Halt gemacht, als wir uns auf einer Kutschfahrt durch das „Quarter„ befanden und man kredenzte uns in der Kutsche den berühmt-berüchtigten „Hurrikan„. Einen Longdrink, bestehend aus Rum, Rum, Rum, Grenadine, Cocktailkirsche, Orangenscheibe und - Rum. Und das, bei tropischen Temperaturen, höllisch.

Aber zunächst wollten wir ja erstmal ein Frühstück zu uns nehmen, und wir fanden direkt am „Jackson Square„ das „Pierre Maspero´s„ ein uraltes, traditionsreiches Lokal in Creolischen-Stil. Eine wundervolle alte Holzdecke, eine traumhafte, hundert Jahre alte Theke, geheimnisvolle Kultgegenstände aus der (immer noch präsenten) Voodoo-Szene und zwei zur Straße hin geöffnete Fronten, von denen man, wenn man dort wie wir einen Tisch ergattern konnte, einen wunderbaren Ausblick auf das rege Treiben des Viertels hatte. Unser Frühstück bestand aus einem Steak, 3 Rühreiern, Speck, Würstchen, gewürfelten Bratkarkartoffeln, Toast und Kaffee ohne Ende. 13,00 $ mußten wir bezahlen, durchaus günstig, denn die Portionen sind in den USA wie alles dort, groß

Es war inzwischen Mittag geworden und die Hitze war göttlich, dabei unheimlich hohe Luftfeuchtigkeit. Denn New Orleans hat subtropisches Klima und Florida ist nicht soo weit entfernt. Außerdem liegt die Stadt direkt am Golf von Mexico, so kommt die Hitze von zwei Seiten, aber ich steh´ auf so etwas. Wir zogen über den Jackson Square in Richtung Mississippi und von überall her hörten wir Musik, denn in New Orleans war City-Fest (nicht zu vergleichen mit dem in Hamm . . .) Uralte Blues-Opas saßen an den Straßen und ließen ihren Blues ab, Maler, Wahrsager, stepptanzende Negerkinder (sorry, aber Farbigen-Kinder hört sich wirklich dämlich an), Gaukler und Straßenkünstler aller Art boten ihre Künste dar, es war unbeschreiblich. Unten am Mississippi waren mehrere Bühnen aufgebaut, auf einer spielte eine Jazzband mit einer Sängerin, sehr gut, auf der zweiten Bühne stand eine vierköpfige „Farbigen„-Band mit einem Gesamtalter von mindestens 320 Jahren und blueste, und auf der Hauptbühne, die auf einer riesigen Wiese direkt am „Ole Man River„ stand, gab es Soul-Musik. Und, wie könnte es anders sein, es stand ein Top-Act auf den Brettern, nämlich „The Tommy Ridley Band„, die eine herrliche Mischung aus Blues und Soul spielte. Eigentlich wollten wir einen Stadtbummel machen, aber die Stimmung auf der „Festwiese„ war so toll, und das Bier (Icehouse) so schmackhaft, daß wir die Zeit vergaßen, ebenso die Sonne, die gnadenlos vom Himmel prallte und uns einen Sonnenbrand verpaßte, mit dem wir auf unserer gesamten Reise noch zu tun hatten. Nach Tommy Ridley hörten wir noch eine Cajun-Band, eine Bluesband und dann wieder Tommy Ridley. Inzwischen war es früher Abend geworden, den Sonnenbrand vergaßen wir völlig und die Stimmung war bombig, als Tommy Ridley seine Band vorstellte: „ . . . Ladys and Gentlemen, on Drums Levon Helm!„ Das war natürlich ein Hammer, Levon war uns gar nicht aufgefallen, ohne Bart sah er viel jünger aus. Für diejenigen, die sich nicht so gut in der Szene auskennen, Levon Helm ist der Schlagzeuger der legendären Bob-Dylan-Band „THE BAND„. Levon lud uns dann später in seinen Club ein, denn er hat in New Orleans einen Live-Club der gehobenen Art. Und dort sahen wir zum Abschluß der Nacht noch eine tolle Band, die auf der riesigen Bühne eine gewaltige Show ablieferte.

Am nächsten Mittag sind wir dann wieder, übrigens ohne dicke Birne, zum Mississippi gezogen, und haben auf dem Steamboat „Natchez„ eine Flußfahrt unternommen. Wie damals Huckleberry Finn. Und am Abend stand die berühmt-berüchtigte „Bourbon Street„ auf dem Programm. Das ist eine Straße wie etwa die „Meile„ in Hamm (au weia), nur zehnmal so lang, aus jeder Kneipe ertönt Live-Musik und es war die Hölle los, mitten in der Woche. Nirgendwo wird Eintrittsgeld verlangt, aber das Bier kostet in den Läden 6,50 $. Stolzer Preis, aber man hört dort jede Art von Musik, Blues (natürlich), Cajun, Rock, Jazz und immer wieder Soul. In dem ersten Laden, den wir an diesem Abend besuchten, spielten „ROOSTER & THE UNTUCHABLES„. Rooster war ein alter schwarzer Sänger und Gitarrist in einer knallroten Kapitänsuniform, der mit seiner Gitarre durch das Publikum zog, und Tips (Trinkgelder) einsammelte, denn für Tips spielten fast alle Bands auf unserer Reise. Natürlich wurde es eine sehr lange Nacht auf der „Bourbon Street„, trotzdem fanden wir am nächsten Morgen zeitig den Weg aus den Betten, denn es stand eine Tour zu einer der letzten Herrenhäuser einer Baumwoll-Plantage und eine „Swamp-Tour„ auf dem Programm. Aber davon in der nächsten Ausgabe. (Vicksburg / Clarksdale / Memphis) (Hh)