von Elisabeth Evertz
- Buchhandlung Akzente -
Es gibt mal wieder einen neuen Brunetti: der siebte Venedig-Krimi der Amerikanerin Donna Leon mit dem Titel Nobiltà, zu deutsch Adel. In gewohnter Manier nimmt die amerikanisch schreibende Autorin die korrupte Seite Italiens unter die Lupe und läßt die Lesenden mit ihrem Commissario Guido Brunetti über die Unterschiede von Gesetz und Gerechtigkeit grübeln.
In dem soeben erschienenen siebten Fall Brunettis geht es um einen Entführungsfall, der vor zwei Jahren die Öffentlichkeit Venedigs und Italiens in Atem hielt und der jetzt, da die Leiche des Opfer gefunden wurde, erneut aufgerollt wird. Der einundzwanzigjährige Roberto Lorenzoni wurde vor der elterlichen Villa unter Umständen entführt, die bis heute rätselhaft blieben - bis aus diesem Entführungsfall ein Mordfall wurde und in die Hände Brunettis gelangt, der sich in die Welt des venezianischen Adels begibt und die Familie des Toten in Augenschein nimmt. Wir begegnen dem Vater, Conte Lorenzoni, ein distinguierter, vielseitiger Geschäftsmann und rührend besorgter Ehemann um seine Frau, Contessa Lorenzoni, die am Schicksal ihres einzigen Sohnes zu zerbrechen droht und seinem Neffen und jetzigen Erben, Maurizio, der geschäftlich in seine Fußstapfen getreten ist. Mit Brunetti tappen wir lange im Dunkeln und wandeln mit ihm durch ein Labyrinth von unaussprechlichen Gefühlen, Fragen, Lügen, Trauer, Schuld, und Ungeheuerlichkeiten.
Donna Leon war noch nie zimperlich in der Auswahl der moralischen Abgründe ihrer Bösewichte und man merkt, daß sie die deprimierte Haltung ihres Commissarios angesichts der Skrupellosigkeit vieler einflußreicher Menschen in der kapitalistischen Gesellschaft teilt. Sie glaubt nicht an das Gute im Menschen; zumindest nicht bei denjenigen, die die Geschicke eines Staates lenken oder finanziellen Einfluß auf das öffentliche Leben haben. Aber denen gegenüber steht dieser gebildete Grübler Brunetti, der die Philosophen bemüht, um seinen Glauben an Wahrheit und Gerechtigkeit nicht zu verlieren und seine kluge Frau Paola, die ihn erdet und gerne ein passendes Zitat aus der englischen Literatur für ihn bereithält.
Donna Leon schreibt trotz ihrer ungeheuren Produktivität nach wie vor intelligente Unterhaltung vom Feinsten. Und dieses neueste Produkt ihrer Schaffenskraft kann ich wieder uneingeschränkt empfehlen (Nummer sechs fand ich nicht so spannend).
PS: Bei der Lektüre ertappe ich mich immer wieder bei der Frage, ob Donna Leon bei uns auch so erfolgreich wäre, wenn ihre Geschichten in Deutschland spielen würden und sie die Mißstände in unserem wirtschaftlichen und politischen Alltag beim Namen benennen würde. In Italien erscheinen ihre Bücher ja auch nicht. Und ohne das venezianische Flair wären es halt einfach nur (irgendwelche) Krimis.
Donna Leon: Nobiltà; Diogenes-Verlag DM 39,90