Reisen mit Willi

Von New Orleans nach Chicago

Eine Reise durch die Musikgeschichte der USA, von Ulrich Holesch - Fotos: Arnd Caspary und Sabine Rosenkranz

Wir schafften es übrigens, halbwegs früh aus den Betten zu steigen und nahmen ein reichhaltiges Frühstück zu uns, um uns für den Tag zu stärken. Dann haben wir das berühmteste Hotel der Südstaaten, das „Peabody-Hotel„ besucht. (Siggi Ridder war übrigens auch mal dort). Hier wohnte schon 1868 der Südstaaten-Haudegen General Robert E. Lee, eine herausragende schillernde Figur des Bürgerkrieges. Auch heute noch ist das „Peabody„ eine der exclusivsten Herbergen der USA. Eine skurile Besonderheit ist „The Duckwalk„. Jeden Tag um 10.30 Uhr hält der prunkvolle Fahrstuhl des Hotels in der riesigen Halle, und befördert aus einer Suite der obersten Etage eine Schar Enten, die von einem uniformierten Butler unter den Klängen des „Sternenbanner-Marsches„ zu einem Brunnen in der Hotelhalle geleitet werden. Um 17.00 Uhr geht es mit der gleichen Zeremonie wieder nach oben. Ein exzentrischer Millinär des vorigen Jahrhunderts hat das in seinem Testament verfügt und den finanziellen Grundstock hierfür hinterlassen. Bis heute wird sein letzter Wille erfüllt.

Den Tag verbrachten wir mit einem ausgiebigen Stadtbummel, verbunden mit einer Tour zum legendären „Sun-Studio„ in dem Elvis seine Karriere startete. Dort nämlich nahm er „It´s allright Mama„ auf, eine Platte, die ein Geburtstagsgeschenk für seine Mutter sein sollte. Der damalige Studio-Boß Sam Phillips nahm den King unter Vertrag machte ihn berühmt. Leider beging er den Fehler, die Rechte an Elvis für 50.000,- $ zu verkaufen. Sein Millionenvermögen machte Phillips dann später mit Jerry Lee Lewis und Chuck Berry.

Am Abend stand für uns ein weiterer Höhepunkt auf dem Programm: „Kings Place„. Nein, kein Elvis-Lokal, sondern der Club des Blues-Giganten B.B. King. Ein riesiger Laden mit einer bombastischen Bühne, einer fest installierten PA, nach der sich so manche Band die Finger lecken würde und einer Speisenkarte, die das Herz des Steakliebhabers höher schlagen läßt. Der Club war gerammelt voll, der Eintritt betrug nur 8,- $ und die Getränke waren zu einem durchaus erschwinglichen Preis zu haben, ebenso das Essen. Um 22.00 Uhr betrat dann eine Band die Bühne, die alle Wünsche des geneigten Musik-Liebhabers mehr als erfüllte. „Ruby Williams and The King Beez„ spielten Blues, Soul, Rock und Funk der Extraklasse, mit einem gewaltigen Sound, der einem in Bauch und Beine ging. Übrigens sollte der Chef B.B. King am 8. Mai höchstpersönlich in seinem Club auftreten, aber zu der Zeit würden wir bereits wieder in Hamm weilen, wo wir allerdings zum Trost Big Jack Johnson erleben dürfen.

Am Freitagmorgen ging es weiter auf unserer Reise, und zwar in eine Stadt, die mir besonders am Herzen liegt, Nashville, die Musikhauptstadt der USA. Über 2000 Bands gibt es hier, unzählige Live-Clubs, die großen Studios, in denen sich Musiker wie Kenny Rogers, Dolly Parton, Garth Brooks, Marty Stuart, Bobby Bare, Willie Nelson oder Johnny Cash die Klinke in die Hand drücken, und nicht zu vergessen, die legendäre „Grand Ole Opry„, die berühmteste und größte Konzerthalle der USA. Nashville ist übrigens eine der größeren Städte des Landes und statistisch gesehen, wohnt in jedem siebten Haus ein Millionär, meist aus der Musikbranche. Überhaupt lebt die Stadt von der Musik. Wir wohnten in der sogenannten „Music Row„, dem Viertel, in dem die großen Studios zu Hause sind; Warner Bros., RCA, Sony usw. Aus unserem Hotelzimmer hatten wir einen beeindruckenden Ausblick auf die Skyline von Nashville und hinter den Wolkenkratzern beginnt das Viertel, in dem sich die Live-Clubszene befindet. Und was wir dort erleben durften, war schon beeindruckend. Wir haben gleich am ersten Abend einen ausgiebigen Kneipenbummel gemacht und dabei Lokale gefunden, die man hier in Deutschland sofort dicht machen würde, so vergammelt, schmuddelig und verräuchert waren sie. Aber eine ungeheuer interessante Atmosphäre herrschte dort. Im ersten Club, den wir besuchten, spielte EDDY KING mit seiner Blues-Band, ein riesiger farbiger Gitarrist und Sänger, der aus der weitverzweigten Musikerdynastie derer von King stammt. Er war grottenschlecht, aber sehr beeindruckend. Im benachbarten Club „Bourbon Street„ gab es Country-Musik, GREG PERKINS, Gitarrist, Sänger und Fiddle-Spieler bot mit seiner Band atemberaubend schnelle Songs wie „Cannonball„ oder „Orange Blossom Special„. Wie überall gab es auch hier das leckere „Icehouse-Beer„ aus der Flasche, Spareribs, Steaks und Tequila . . .

Die Nacht war schon sehr weit fortgeschritten, als wir einen kleinen Laden betraten, der eine Mischung aus Imbißstube, Stiefel-Shop und Kneipe zu sein schien. Eine winzige Bühne war in der Ecke aufgebaut und darauf spielte eine vierköpfige Band Country-Rock vom Allerfeinsten. Ich brauchte erst ein paar Minuten, um überhaupt zu kapieren, was wir dort zu hören bekamen. Der Gitarrist, Johnny Hiland, war 24 Jahre alt, fast blind und etwa so groß wie Dirk Bach, aber so dick wie Bud Spencer und spielte eine Country-Gitarre, wie ich sie in meinem Leben noch nicht gehört hatte. Albert Lee, für mich einer der besten Gitarristen der Welt, wäre vor Neid erblaßt. In der Pause plauderten wir mit der DON KELLEY BAND, deren Namensgeber Don Kelley selbst eine fantastische Gitarre spielte, hervorragend sang und das Publikum perfekt unterhielt. Johnny Hiland nennt Albert Lee übrigens als sein großes Vorbild. Während des nächsten Sets rief Don Kelley die Kellnerin, die uns bediente auf die Bühne und bat sie: „Kathie, sing uns eins.„ Da legte sie ihre schmuddelige Schürze ab, bestieg die Bühne und sang ein paar Songs mit einer Stimme, die an die großen Stimmen der Countryszene erinnerte. Dann legte sie ihre Schürze wieder an und brachte uns den nächsten Jack Daniels. In dieser Nacht lernten wir in diesem Club auch noch einen Songwriter kennen, der für etliche Countrygrößen in Nashville schreibt, der Jack Daniels floß in Strömen, die Stimmung war bombig und wir sind das einzige Mal auf unserer Reise so richtig versackt.

Am nächsten Tag stand die weltberühmte „Country Music Hall of Fame„ auf dem Programm. Das ist ein Museum, in dem die Bühnenrequisiten, Gitarren, Autos, Anzüge der großen Stars aufbewahrt werden. Elvis´ goldener Flügel, sein Caddillac mit Bar, Fernseher, Schuhputzmaschine, und im Foyer befindet sich die größte Gitarre der Welt. Ein maßstabgerechter Nachbau der „Chet-Atkins-Gitarre„ der Firma Gibson, 120.000,- $ wert. Stundenlang sind wir da durchmarschiert und haben trotzdem nicht alles sehen können.

Davon berichten wir aber in der nächsten Ausgabe.