von Gertrud Renollét
Er betritt das Krankenhaus - falls er noch kann - oder man transportiert ihn - liegend oder sitzend. Liegend, beweist die völlige Kapitulation, während sitzend noch den leisen Versuch des Patienten verrät, sich gegen das Missgeschick aufzulehnen. Doch wehe dem Wesen, das im Alleingang am Portal erscheint, womöglich mit wehmütigem Blick oder in Verärgerung der Umstände, das dürfte äußerst suspekt sein. Identitätsprobleme an der Pforte? Oh weia!!! Diese einfach abgeben! Ist sonst nur lästig! Ein warnender Blick empfiehlt dem Probanden in Ergebenheit auszuharren.
Sollten sie Schmerzen haben oder sich in einem akuten Zustand befinden, so ist das bitte ihr Problem. Aber sie sind ja schon unter dem beschützenden Dach des Gebäudes, während ein prüfender Blick des Insiderpersonals ihr Wartepensum abschätzt. Aber bitte, doch kein schmerzverzerrtes Gesicht - man reißt sich zusammen und tut unbeteiligt! Sollten sie sich trotzalledem die Zunge blutig beißen...denken sie daran, es wäre dann ihr masochistisches Problem. Weiter, eine Hyperventilation zeigt ihren hysterischen Aspekt, und ihre Verärgerung könnte man als Agitiertheit bezeichnen. Doch wehe ihnen, sie tun ganz unbeteiligt, haben etwa ein Mimikverlust in stoischer Resonanz. Vorsicht! Es könnte eine Pseudohomoinsuffizienz sein. Entscheiden sie sich also schon daheim, wie sie auftreten wollen.
Falls sie Müller, Meier, Schmitt usw. heißen und in einem 3-4 Bettzimmer zu liegen kommen, denken sie daran, wenn sie Glück haben, dürfen sie manchmal auch NEIN sagen. Ansonsten befolgen sie das althergebrachte aufmerksame, devote Nicken mit dem Kopf (natürlich) - man macht sowieso das, was sie nicht wollen; d.h. hätten sie besser auf sich aufgepasst, wären sie hier nicht gelandet. Klar!? Tun sie ahnungslos, das kommt immer gut an. Versuchen sie ja nicht ein mündiger Patient zu sein oder noch schlimmer, etwas über ihren Körper zu wissen. Wissen hat nur der, der hier nicht erscheinen muss. Denken sie daran, jegliche Befolgung sollte ihnen ein innerlicher Wunsch sein. Bei anberaumten Operationen dürfen sie dann doch widersprechen, wenn der Operateur etwa ihre Extremitäten verwechseln sollte. Doch die fünfviertel Ärzte: Chef, Oberarzt, Stationsarzt, Famulus und Oberschwester irren sich natürlich selten. Paletti? Wenn sie danach, dem neuesten Stand, überlebt haben sollten, sind sie ganz einfach widerspenstig, aufmüpfig oder gar ein Revoluzzer.
Also, entscheiden sie sich bitte, was sie sein dürfen. Ihr Wollen spielt dabei keine Rolle. Wenn sie dann die gutgemeinten Tricks nicht durchschauen begeben sie sich bitte zur Blindenschule. Vergessen sie bitte nicht: Ihren unangenehmen, persönliche Aufdringlichkeiten begegnet man nicht immer mit diplomatischem Geschick, oder mit unaufschiebbaren imaginären Notwendigkeiten. Für Querulanten gibt es nicht nur verbale Zerschmetterungen. Es gibt auch die Strategie des missbilligenden Schweigens. Noch eins: Verschweigen sie aber nichts, beantworten sie alle Fragen, auch dann, wenn sie mit ihrem Krankheitsbild nichts zu tun haben und schlucken sie alles, was man ihnen anbietet. Es ist sehr gesund!
Doch verzweifeln sie bitte nicht, wenn in ihren Papieren die Tagesform eines vielgeplagten Medizinrechercheurs zum Ausdruck kommt und ihrer Persona ein Standartfixum verleiht, das sich wie bei einer hängengebliebenen Grammofonnadel stets reproduziert.
Summa summarum: Die einfachste Art, aus diesem Circulus vitiosus auszusteigen ist: Werden sie gesund! Bleiben sie es bitte bis an ihr Lebensende! Summa cum laude!