Literatur

DAMENWAHL von Elisabeth Evertz - Buchhandlung Akzente -

Es fällt mir schwer, für das neue Buch der Niederländerin Connie Palmen, die wir durch die beiden Romane „Die Gesetze„ und „Die Freundschaft„ kennen und schätzen gelernt haben, Worte zu finden. Jetzt unmittelbar nach Beendigung der Lektüre sitze ich mit einem dicken Kloß im Magen. Das Buch mit dem Titel „I.M.„ ist kein Roman. Es ist eine Autobiographie, die allerdings nur vier Jahre umfasst. 1991 bis 1995.

Connie Palmen, Jahrgang 1955, lernt Anfang 1991 bei einem Interview zu ihrem sehr erfolgreichen literarischen Debüt „Die Gesetze„ den bekannten, laut Klappentext „berühmt-berüchtigten„ journalisten, Talkmaster unter Entertainer Ischa Meijer, Jahrgang 1943, kennen und lieben. Fortan werden diese beiden Menschen einander nicht mehr von der Seite weichen. ES ist eine große Liebe, wie man sie eigentlich nur aus Romanen und Filmen kennt. Und diese unglaubliche Beziehung endet vier Jahre später durch den jähen Tod Ischa Meijers. Das vorliegende Buch mit den Initialen Ischa Meijers als Titel trägt zwei Untertitel, die zwei Abschnitte des Textes überschreiben: den weitaus längeren Teil „In Margine„ (in ein Bild gebracht) und den Schluss „In Memoriam (in Erinnerung).

„In Margine„ ist die Geschichte der Liebe dieser beiden bis dato umtriebigen Menschen, die in den Niederlanden Personen des öffentlichen Lebens sind. Auch wenn uns das Drumherum dieser Begegnung in den Niederlanden nicht bekannt ist, breitet sich vor uns auf den ersten Blick ein Märchen aus. Bei der Lektüre ertappte ich mich immer wieder bei dem Gedanken: Das gibt's doch nicht!„, obwohl hier in keinster Weise verklärt oder beschönigt wird. Es ist eher das Gegenteil. Connie Palmen beschreibt ungeschminkt, wie sie beide durchs Leben gingen, arbeiteten und miteinander umgingen. Es zeugt von einer ungeheuren Intimität, wie sie in unzähligen Episoden ihre vielen Reisen durch Amerika und vor allem ihre Gespräche und den Austausch von Gedanken über die Arbeit und über Ischa Meijers Familie beschreibt. Und ständig beschleicht einen das Gefühl, dass man dies alles niemals lesen würde, wenn dieser Mann nicht gestorben wäre. Und damit sind überhaupt nicht sexuelle Intimitäten gemeint, sondern gerade diese kleinen Geschichten, die den Code einer Beziehung ausmachen, wie alberne Spielchen, Plänkeleien und gheime Rituale. Andererseits baut sich im Zuge der Lektüre ein Leben eines für uns unbekannten berühmten Niederländers auf, das geprägt ist von der Geschichte dieses Jahrhunderts, und dadurch zu einem 'lebendigen' Bild unserer Geschichte wird, die uns alle nach wie vor angeht.

Ischa Meijer, ältester Sohn eines jüdischen Historikers und Schriftstellers, wird mit seinen Eltern als Baby nach Bergen-Belsen deportiert. Die Familie überlebt den Terror, wird jedoch niemals ein Familienleben kennenlernen. Die Kinder werden im Teenageralter von ihren Eltern verlassen und zurück bleibt ein Sohn, der zeitlebens auf der Suche nach seinen Eltern ist. Es ist viel Analytisches zu finden in den Gesprächen der beiden. Und unabhängig davon, ob die Personen uns sympathisch sind oder ihre Schlussfolgerungen uns richtig erscheinen, ist es Leben pur, das diese Zeilen füllt, die durch den Tod erst entstanden.

Der zweite Teil des Buches „In Memoriam„ ist sehr kurz. Es gibt nicht viel zu sagen, angesichts der Unfassbarkeit der Tatsache des Todes. Die Trauer Connie Palmens lässt sich 10 Monate nach dem Tod Ischa Meijers doch in Sätze gießen, die einem haften bleiben, weil sie wahr sind.

Connie Palmen: I.M. Diogenes Verlag, DM 39,90