Reisen mit Willi

Von New Orleans nach Chicago

Eine Reise durch die Musikgeschichte der USA, von Ulrich Holesch - Fotos: Arnd Caspary und Sabine Rosenkranz

Der Höhepunkt unseres Nashville-Aufenthaltes kam am zweiten Abend, ein Besuch in der legendären „Grand Ole Opry„, der ältesten Radio-Show der Welt. Seit 75 Jahren sendet man zweimal täglich, nachmittags und abends, jeweils zwei Stunden live. Alle 4500 Plätze des beeindruckenden größten Konzertsaales der USA sind ausverkauft, fast immer. Wir hatten besonders Glück, denn wir durften an diesem Abend fünf große, teilweise auch bei uns bekannte Stars live auf der Bühne erleben: George Hamilton IV., Marty Stuart, Vince Gill, Little Jimmy Dickens und Ricky Skaggs! Eine beeindruckende Country-Show begann und zog uns über zwei Stunden in ihren Bann, dem sich wohl kaum jemand entziehen kann, auch wenn er vielleicht kein großer Country-Fan ist. Und das tollste an einer Stadt wie Nashville ist, diese Stars der Country-Music, auch die mit den großen Namen, gehen auch in die kleinen Clubs und treten dort auf. Man stelle sich vor, man geht ins „Corner Inn„ hier in Hamm, und man fragt den Wirt, wer denn heute abend auf der Bühne steht. Und der sagt: „Marius Müller-Westernhagen!„ Das kann einem in Nashville passieren!

Doch auch die vier Tage in der Musik-Hauptstadt der USA gingen zu Ende, leider. Wir setzten uns ins Auto und fuhren in Richtung Cincinatti. Obwohl Don Kelley fragte: „Cincinattiiiiiieee????? - warum?„ Nun, wir wollten nach Indianapolis, zur Rennstrecke. Und da mußten wir über Cincinatti. Was für Sabine und mich New Orleans, Memphis, Nashville und Chicago sind, ist für Arnd Indianapolis. Da muß man fair sein. Die Rennstrecke mit dem Rennwagenmuseum war aber auch für uns sehr interessant, wirklich. Aber als wir dann endlich nach Chicago aufbrechen konnten, waren wir doch schon froh. Chicago ist natürlich die gewaltigste Stadt, die wir auf unserer Reise besucht haben, und sie empfing uns mit Nebel, Regen und eisiger Kälte. Ich wünschte mich sofort nach New Orleans zurück. Aber wir waren nun mal am Lake Michigan. Trotz schlechten Wetters machten wir einen kleinen Stadtbummel, den wir allerdings bald abbrachen und lieber in ein Restaurant gingen, ins „Planet Hollywood.„ Auch hier konnte man das leckere „Icehouse-Bier„ bestellen und das Essen war sehr schmackhaft. Die Spareribs überragten den Tellerrand und berührten fast den Nebentisch. Am späteren Abend gingen wir ins „Blue Chicago„, ein Blues-Club, in dem man den authentischen Chicago-Blues noch in der ursprünglichsten Form erleben kann. Wir ergatterten den letzten freien Tisch, direkt vor der winzigen Bühne, und bestellten „Icehouse-Bier„ (!) Um 22.00 Uhr (genau wie im Hoppe Garden) betraten fünf ältere farbige Herren die Bühne und legten einen Blues auf die Bretter, daß dem echten Blues-Fan die Spucke wegblieb. Einfach perfekt. Nach ein paar Songs kam dann eine „dicke alte Negerin„ ins Spiel, die den Blues sang, wie einst die olle Ella (Fitzgerald), beeindruckend. Wir blieben etwa zwei Stunden. Beim Hinausgehen wies uns der (sehr freundliche!!!) Türsteher darauf hin, daß es ein paar Blocks weiter ein zweites „Blue Chicago„ gab. Das wollten wir am nächsten Abend besuchen, jetzt mußten wir erst einmal ins Bett.

Am nächsten Morgen war es immer noch nebelig. Scheiße, denn wir wollte das höchste Gebäude der USA (das zweithöchste der Welt), den Sears Tower besteigen. Es regnete zwar nicht mehr und die Sonne schien durch den Nebel, aber viel sehen konnten wir in 455 Metern Höhe nicht. Allerdings war es schon ein erhebendes Gefühl auf dem höchsten Gebäude des riesigen Kontinentes zu stehen.

Den Tag verbrachten wir dann auf dem sogenannte „Navy-Pier„, einem großen Damm, der in den Lake Michigan hineinreichte und auf dem sich ein großes Vergnügungsviertel befand. Hier legen auch die zahlreichen Schiffe an, die den Lake Michigan befahren, zu einstündigen „Skyline-Tours„ oder zu Tagesfahrten mit Mittagstisch und abendlichen Diners mit Unterhaltungsprogramm.

Der Abend gehörte wieder der Musik, der bayerischen. Das „Chicago Brauhaus„ ist ein deutsches Restaurant im (natürlich) bayerischen Stil.

Wir fuhren mit dem Taxi eine halbe Stunde durch die City von Chicago, um es zu erreichen. Auf der Bühne standen Maxe und Sepp und unterhielten die Gäste mit Costa Cordalis, Rex Gildo oder den Wildecker Herzbuben, während wir Bratwurst mit Sauerkraut und Bratkartoffeln verzehrten, dazu ein echtes Bitburger Bier vom Faß genossen. Ein gemütlicher Abend, der mit dem anschließenden Besuch der „Kingston Mines„ seinen Höhepunkt fand. Ein riesiger Laden im Gammel-Look, mit Löcher in der Decke, durch die es regnete. Wirklich. Auf der Bühne standen „Charly Love & the Silky Smooth Band„ und spielten Blues, Soul und Funk. Gnadenlos gut. In der Pause spielte im Nebenraum auf einer zweiten Bühne eine andere Band!

Den dritten Tag verbrachten wir in der City von Chicago mit einem sehr ausgedehnten Bummel durch die Ladenstraßen der Millionenstadt. Cartier, Tiffany, Gucci, Armani, Namen, die erahnen lassen, wie dick der Geldbeutel sein muß, um einen Einkaufsbummel machen zu können. Das Wetter war herrlich, viel Sonne, trotzdem kalt, denn Chicago wird auch „Windy City„ genannt. Wir besuchten das Aquarium, das Planetarium. Ocean-World und am Abend ein Restaurant der gehobenen Klasse. In dem verkehrten auch schon Frank Sinatra, Dean Martin, Sammy Davis jr. und Peter Lawford in ihrer „Rat-Pack-Zeit„. Das Essen und das Ambiente waren sehr beeindruckend, die Preise auch. Den späten Abend verbrachten wir in der Filiale des „Blue Chicago„. Dieser Club war etwas größer als der am ersten Abend, aber genau so gammelig und verräuchert. Einfach herrlich. Auf der Bühne war die „Eddy Clearwater Band„ zu bewundern. Der Boß, Eddy Clearwater, ein beeindrucken großer farbiger Sänger und Gitarrist, war peinlichst schlecht auf der Gitarre, aber ein guter Sänger und Frontmann. Sein „zweiter„ Gitarrist, Johnny V., allerdings war ein absoluter Könner. Auf der Gitarre ebenso wie als Sänger. Und die Musik war Klasse. Überhaupt war der Abend ein würdiger Abschluß unserer Reise, denn das „Blue Chicago„ ist, wie wir später erfuhren, ein sehr berühmter Laden in dem tatsächlich schon Leute auf der Bühne gestanden haben, die unter den Namen Muddy Waters, Luther Allison, B.B. King oder Louis Armstrong in die Musikgeschichte eingegangen sind.

So, das war's. Am nächsten Tag ging es zurück nach Hamm. Hamm ist eine Stadt vor den Toren des Ruhrgebietes, wie man mir berichtete. Kulturell durchaus mit hohem Niveau, wie man mir berichtete. Wenn sich hier ein Kneiper entschließt, seinen Gästen Live-Musik zu bieten, bekommt er es nicht selten mit den Nachbarn zu tun, anschließend mit den Behörden. Der Schock, nach New Orleans, Memphis, Nashville und Chicago, die Städte, in denen alles begann (Elvis, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, Louis Armstrong, B.B. King usw.) meine Heimatstadt wiederzusehen, sitzt tief. Trotzdem, ich bin immer noch hier, denn, man höre und staune, es gefällt mir hier. Und vielleicht kann man hier noch etwas bewirken. Wenn ich noch lange genug lebe! (Hh.)