Eine psychologische Leserbestrafung von Dipl.-Psychol. Dr. Sonja-Renate Rüpelhof-Lammkoether
Liebe Frau,
zunächst möchte ich mich Ihnen vorstellen, ich weiß nämlich, was sich gehört. Ich heiße Benno Brummel-Codtze, bin 45 Jahre alt, gesund, gutaussehend, charmant, intelligent und ich übe die verantwortungsvolle Tätigkeit des Privatiers aus. Nun werden Sie sich fragen, ob dieser freundliche, sympathische junge Mann denn noch keine Frau für´s Leben gefunden haben mag. Doch, habe ich. Seit 22 Jahren lebe ich in inniger Zweisamkeit mit einer wunderschönen Frau zusammen, Karin heißt sie. Sicher, sie ist nicht ohne Fehl, sie kocht zwar gut, ich mag aber selten zu Hause meine Mahlzeiten einnehmen. Sie hält Haus und Garten perfekt in Schuß, aber zu selten vermag ich das zu kontrollieren, denn ich bin durch meine anstrengende Tätigkeit recht oft außer Haus. Auch geht Karin stets fleißig ihrer Arbeit nach, sie ist Krankenschwester, aber von Ihrem Gehalt stehen mir ledig zwei Drittel zur freien Verfügung.
Trotzdem liebe und verehre ich sie, und letzten Sommer entschloß ich mich, nach über zwanzigjährigem Beisammensein, unsere Beziehung zu krönen und durch mein Ja-Wort zu veredeln. Auf Deutsch gesagt, ich wollte sie heiraten. Doch was sagt diese Frau, der ich seit Jahrzehnten immer mal wieder treu gewesen bin, der ich die besten Jahre meines Lebens zu verdanken habe und deren Heim ich durch meine gelegentliche Anwesenheit zu einer Stätte der ur-deutschen Gemütlichkeit zu verhelfen in der Lage sein durfte? Sie sagt NEIN! Können Sie sich das vorstellen? Was bildet sich diese Person eigentlich ein? Mit mir hat sie doch das große Los gezogen. 1. Ich habe viel Zeit: Ich bin seit vielen Jahren kränkelnd, daher kann ich dem Ar-beitsmarkt leider nicht mit meiner ganzen Kraft zur Verfügung stehen. Ich habe aus der Not also eine Tugend gemacht, und eine selbst finanzierte Umschulung zum Privatier vorgenommen. Das heißt, ich beschäftige mich mit mir. Morgens um halb fünf, wenn meine Gattin zum Dienste eilt, ist meine nächtliche Ruhephase zwar noch nicht beendet, aber spätestens um
elf Uhr erwache ich, meditiere noch ein Wenig und begebe mich, nachdem ich das Bad aufgesucht habe, in mein Stammcafe. Dort nehme ich mein Frühstück ein. Um 14.00 Uhr, wenn meine Karin von der Arbeit kommt, essen wir zu Mittag. Ich in meinem Stammrestaurant, sie zu Hause. (Nach der anstrengenden Arbeit mag sie nicht ausgehen.) Danach gehe ich mit Freun-den zu Rennbahn, denn ich bin 2. Sehr geschäftstüchtig: Da ich von meiner Gemahlin lediglich zwei Drittel ihres Einkommens erhalte, sind meine Mittel natürlich begrenzt. Daher kann ich auch nur ein kalkulierbares Risiko eingehen, indem ich von meinem eigenen Kapitel recht wenig zum Einsatz bringe. Also nehme ich Kredite meiner Geschäftsfreunde in Anspruch, die ich, je nach Gewinnausschüttung, zurückführe, oder auch nicht. 3. Ich bin sehr wendig: Da sich die Kapitalrückführung an meine Geschäftspartner dann und wann als sehr schwierig erweist, muß ich mich auch viel auf Reisen begeben. Bei diesen Auswärtsaufenthalten bin ich dann 4. Sehr kreativ, was die Kapitalbeschaffung angeht. Daß ich dabei nicht immer mit unseren Gesetzen im Einklang bleiben kann, versteht sich von selbst, daher pflege ich auch einen regen gesellschaftlichen Kontakt mit den Organen der Staatsmacht, was mir wiederum 5. bedeutende Kenntnisse in den Rechtswissenschaften eingebracht hat. Und 6. Ich bin sehr kinderlieb: Das kann man schon unschwer daran erkennen, daß ich jedes Jahr den Postkartenkalender, den wir vom Kinderhilfswerk bekommen, und den Kinder ohne Eltern oder ohne Arme mit eigener Hand gemalt haben, nicht wegwerfe, sondern dem Tierschutzverein anonym ins Haus schicke. Schließlich will ich mich durch meine guten Taten nicht profilieren sondern ganz bescheiden im Hintergrund bleiben. Auf eigene Kinder haben wir verzichten müssen, da unsere nächtlichen Ruhezeiten nicht kompatibel sind. Sie sehen also, liebe Frau Sonja-Renate, ich bin ein Mann, den sich jede Frau als Ehemann nur wünschen kann. Bitte sagen Sie mir, was den-ken Sie, warum will Karin mich nicht heiraten?
Ihr Benno (Der Wohnort des Briefe-Schreibers ist der Redaktion bekannt, wird aber aus fahn-dungstechnischen Gründen ungenannt bleiben)
Lieber Benno,
ehrlich gesagt, ist es mir ein Rätsel, warum eine gesunde Frau sich weigert, einen Bilderbuch-Mann, der Sie ja nun ohne Zweifel zu sein scheinen, zu heiraten. Ich würde Ihnen raten einmal an Hans Meiser zu schreiben. Sicherlich wird er Sie in seine Sendung einladen, in der Sie mit Leidensgenossen Ihres Geschlechtes über Ihr schlimmes Schicksal diskutieren können. Wenn Ihre Gattin das dann sieht, wird sie sicherlich aufgerüttelt werden und sich Ihrem sehnlichsten Wunsche nicht mehr verschließen können.
Oder, will sie einfach nur nicht Karin Brummel-Codtze heißen . . ?